Wir sind alle so fake! — <font color="#21759">geben aber trotzdem aus Mitleid ein Like</font>

Wir sind alle so fake! — geben aber trotzdem aus Mitleid ein Like

Mama, ich mag nicht mehr. Ich will weg. Will mich dem entziehen, was mich seit Jahren mürbe macht — Ja auch ich bin ein Teil davon, ich weiß. Trotzdem.

Was waren das noch für Zeiten — die ich aufgrund meines Alters niemals miterlebt habe — als wir zusammen diskutierten, auf Partys, an Tischen, in Kneipen, als wir auf Bahnsteigen mittels bebender Stimme unsere Meinung kundtaten?

Was waren das noch für Zeiten, als wir noch keine emotionalisierten Hormonschleudern waren? Als wir noch jenseits der 30 nicht jedes noch so verdummende Babyvideo geteilt haben, um der Welt zu zeigen, dass wir uns um sie sorgen. Als beste Freundinnen einfach so unsere „Besten“ waren, ohne dass wir mit Fotos und Hashtags die Welt darauf hinweisen mussten?

Mama, ich mag nicht mehr auf meine Timeline schauen. Da begegne ich Menschen, die auch nach dem sie zum 2000sten Mal einen Artikel geteilt haben, immer noch denken, sie müssten ihn ein 2001. Mal teilen. Da begegne ich Menschen, die den Rücktritt von Philip Lahm mit mehr überschwänglichen Worten kommentieren, als einen Flugzeugabschuss. Menschen, die einen Fake-Kuss nicht mehr von einem echten unterscheiden können.

Und in den U-Bahnen lacht niemand mehr laut auf

Überall Jünger, die sich dazu berufen fühlen, mir entweder ihre Kinderbilder, Strandbesuche oder Meinungen unsachlich und völlig aus dem Kontext gerissen aufzudrängen. Nur um mir dafür ein Like abzuverlangen.

Mein Geheimnis: Ich gebe „Likes“ fast nur noch aus Mitleid.

Da werden Katzen zu Helden gemacht, betrunkene Nationalmannschaftspieler zum Sprachrohr einer angeblich immer noch für den Holocaust verantwortlich gemachten Generation. Liebeserklärungen von Paaren überall, die öffentlich ihre Liebe bekunden müssen, nur um zu zeigen, dass sie glücklich sind.

Und auf den Straßen wird es immer stiller

Da werden Artikel mit „So sieht das nämlich aus“ eingeleitet, und es wird nicht mehr darüber nachgedacht, wie es denn eventuell mit diesem Konflikt am Gaza Streifen aussieht. Ihm wenden wir uns erst wieder zu, wenn die Timeline damit überflutet wird.

Tierschützer ist ein jeder, der ein Bild eines sitzenden Mädchens vor einer toten Giraffe teilt.  Menschenliebhaber ist der, dem Amnesty International gefällt. Fußballfans werden wir, um kundzutun, dass Nationalstolz ab sofort wieder geduldet ist. Arenaspiele sind heutzutage unser politisches Sprachrohr.

Aber das ist mir alles egal, weil auf meiner Timeline schon der nächste Unfug lauert.

T_0076Und in den Wartezimmern hört man nur noch ein leises Husten

Mama, wieso freuen sie sich alle so, wenn sie sich für die Erhaltung des Wortes „Zigeunerschnitzels“ aussprechen, als ginge es dabei um die Angleichung von Gehältern für Frauen in Führungspositionen?

Was sind das für niedrige Privilegien, die sie sich diese Menschen da erkämpfen wollen, während in anderen Teilen der Welt ein Krieg um Religionsfreiheit herrscht?

Und Facebook ist ihr Gott, der ihnen glauben macht, sie könnten die Welt verändern, weil sie wissen was ein #Hashtag ist

Wo sind die Menschen, die nicht alles glorifizieren? Die nicht jeden zum Helden erklären, der ihnen auf die Timeline kommt? Wo sind die Wutbürger, die Konflikten noch auf der Straße begegnen?

Wo sind die Menschen, die sich noch einer Sache hingeben. Sie bis zum Schluss verfolgen und ihr Leben für einen Hauch Idealismus hingeben würden?

Mama, ich suche neben mir, vor mir, hinter mir.
Ich suche in mir.

Vergeblich.


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