Watchmen — Hüter der Zeit

Watchmen — Hüter der Zeit

Die Antwort auf die Ewigkeit? Eine Frage der Zeit.

Um die Karten bereits in den ersten Zeilen offen auf den Tisch zu legen: #Smartwatches gehen mir auf den Zeiger, werden solch schnelle Halbwertszeit wie die Glubscher von dem Unternehmensgiganten, der sich hinter einem putzigklingenden Namen verbirgt, haben: Google. Morgen wird es die Hälfte aller Digiteller vergessen haben. Kaum auf der Rolltreppe stehend, spielen sich alle wieder an ihren Digitalien herum, denn Obacht! Jede Sekunde vergeht. Pro Minute gleich sechzig und wir wollen uns nicht ausmalen, wie viele wir gleich in einer Stunde von der Liste streichen können. Sekunden, die entscheiden – keiner zieht das Zeitlos, aber die Konsequenzen. Die Zeit umfasst alles und alles umfasst die Zeit. Dies ist ein Schreiben über den Gegenstand der Zeit, seinem Voranschreiten und seinen Streckungen und Stauchungen durch die heutigen Medien in einer modernen, urbanen und vorallem beschleunigten Gesellschaft, das ihn (be-)greifbarer gestalten soll, ohne sich dabei Belehrungen erhobenen Fingers zu unterziehen. Mit Verlaub: dieses Textwerk enthält Widersprüche und Denkweisen verkehrend auf der Einbahnstraße – so ist es aber auch mit der Zeit!

Die Zeit des Menschen ist unantastbar.

Augustinos von Hippo lehrte uns, dass die Zeiterfahrung nur so lange selbstverständlich sei, bis nach ihr gefragt werde. Es ist unser bewusstes Sein, das Subjekt, das die in der räumlich gespeicherten Erinnerungen verstrichene Zeit wieder aus dem Gedächtnis holt. Der Glockenschlag eines Turms erinnert daran, dass uns wieder Zeit entrissen worden ist, denn wir erinnern uns auch: wir sind endlich. Aus dieser Sicht erscheinen Zeitreisende wie Sanduhren, die einen Halt suchen.

Zwischen den Zeitempfindungen zweier Menschen können Welten liegen.

Der wachsenden Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit moderner Medien sind wir kaum noch gewachsen. Die Abstände zwischen all den technischen Updates verkürzen sich und der Mensch muss effizienter werden. Gefragt ist das Erkennen von Mustern: komplexe Sachverhalte komprimiert auf den Punkt gebracht. Linearität oder Eindimensionalität ist schlicht zu träge für unsere Gesellschaft geworden und wird von der Gleichzeitigkeit abgesetzt. Gleichzeitigkeit? Legt der Benutzer sein smartes Phone beiseite verläuft die virtuelle Welt parallel weiter – eine unendliche Geschichte. Bei all den Daten und Informationen, neuen Medien und technischen Entwicklungen schwingt das Pendel genauso rasant von Medienkompetenz zu Medienpotenz über. Viel, hauptsache schnell. Und umgekehrt. Die Knappheit an Aufmerksamkeit erfordert Zeit und Energie, die wir durch die angewohnte Gleichzeitigkeit der modernen Medien kaum mehr haben. (Ich hoffe Sie haben es bereits bis hier hin geschafft, ohne dabei auf Ihr Smartphone zu schauen, es sei denn, Sie lesen von ihm ab.) Wieviel brauchen wir? Wieviel kann man sinnvoll nutzen? Führt die wachsende virtuelle Realität zu einem Realitätsverlust? Wieviele Daten verträgt der Mensch? Sollte er Medien meiden? Ist der gläsernde Mensch zerbrechlich oder ist Transparenz der Bikini? Sowie unser Denkapparat unser Handeln automatisch steuert, müssen wir unser mediales Verhalten mittlerweile auch auf Autopilot schalten.

Die größte Unruhe löst das Schweigen der Zeit aus.

Ein gewisser Teil der Gesellschaft sehnt sich nach einer Entschleunigung der Zeit, sucht regelrecht einen Ausbruch, einen (Spannungs-)ausgleich im Theater dieses Spektakels und das durch: Medien. Die Zeit ist seither die gleiche, doch der Mensch fügte Eile hinzu. Diejenigen, die von technischen (Er-)neuerungen erdrückt werden und der Atem wegbleibt; da kann auch das Öffnen von Zeitfenstern nicht mehr helfen. Auch, wenn diese Buchstabenabfolge, unter dem Deckmantel eines Textes sich zunächst dystopisch oder technikfeindlich liest, dem/der sei gesagt: die Ablehnung von Technik setzt auch eine der Menschheit voraus, denn Mensch und Technik stehen in Wechselwirkung, sind Korrelate. Es ist schon gar nicht mehr die Frage, ob wir die digitale Konversion annehmen wollen oder nicht, sondern viel mehr die der Entscheidung, inwieweit wir sie annehmen, denn sie wird kommen! Menschmaschine oder Maschinenmenschen? Mit einem Entschluss auf 0-oder-1 ist es nicht so einfach abgetan. Komplexe Fragen bedürfen leider komplexerer Antworten. Es gilt: jeder für sich entscheidet seine Position auf der Strecke jener kritischen Distanz. Auf der Etappe seiner Entscheidung bleibt jeder auf der Strecke, der nicht wählt. Wer die Ruhe vor dem (globalen) Dorf Digitaliens sucht, sollte draußen im Wald warmherzig Bäume umarmen.

Z€IT

Die Zeit gibt es nur als Last-Minute-Angebot. Das hat das Silicon Valley verstanden, während man Deutschland zumutet, es verschlafe die digitale Revolution. (Verschlafen meint: Wifi am Ort in Form einer überteuerten Parkuhr.) Smartwatches sind ein Zeugnis dieser beschleunigten Welt und passen ungemein in die Denkhaube unserer Zeit: die leistungsorientierte Gesellschaft, die keine Fehler verkraftet und vor diesem Hintergrund umso mehr Kontrolle verlangt und vor allen Dingen: Daten. Noch nie war Big Data so nah am Körper. Jede Sekunde wird kontrolliert erfasst; die Zeit verschwendet man nämlich nicht in der Wegwerfgesellschaft. Sie verraten unsere Zukunft, wenn wir sie annehmen. Diese Ticker, die ständiger Aufmerksamkeit nach sich ziehen sind gleichzeitig diese, die keine Zeit für anderes übrig lassen. Die smarten Uhren kommen nicht zum Tragen, sind unterdessen ein Zeugnis dafür, dass man Zeit auch einfach falsch investieren kann. Wer mitläuft, bleibt stehen. Wer sich im Kreis dreht, eckt an – der Spuk des Zeitgeistes. (oder: wer der Herde folgt, läuft immer den Ärschen hinterher.) Im Fieber des Fortschrittsglauben vergisst man flüchtig, dass Zeit oft synonym mit Geld ist. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur Fieber ist auf Dauer keine heiße Sache. Bleibt also cool.


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