Was ist Muße?

Was ist Muße?

Ein Leben im Zeichen der Muße und der dichterischen sowie wissenschaftlichen Schöpfungskraft. Goethe, könnte man behaupten, hat es vorgemacht. Sie steht eben nicht im Namen der Faulheit oder gar der Ziellosigkeit. Ein Schlagwort unserer Zeit, wird sie gerne mit der Freizeit verwechselt, also mit der Zeit, die man zwar nicht in der Arbeit verbringt, die aber dennoch durch letztere bedingt ist. Viel wird auch von der Entschleunigung geredet. Man müsse weniger schnell leben, weniger schnell arbeiten. Doch greift das weit genug? An der Universität Freiburg denkt deshalb eine Forschergruppe den Mußebegriff neu und erkundet so welche Räume er für uns erschließen könnte.
Der Philosoph Tobias Keiling, der dort im Teilprojekt “Muße als räumlich Freiheit” arbeitet, hat uns zum Thema Muße wesentliche Fragen beantwortet.

wyme: Woran arbeitest du selbst konkret?
Tobias Keiling:
Ich bin Philosoph und versuche mich an einer Begriffsklärung von Gelassenheit und Muße. Ich versuche zu zeigen, wieso eine Haltung der Gelassenheit Muße begünstigen kann und stelle mir die Frage, ob sie eine Lebensform ist oder etwas, was sich in ganz verschiedenen Lebensbereichen verwirklichen kann. Wenn alles gut geht, bin ich in weniger als zwei Jahren damit fertig.

Es ist viel von Entschleunigung die Rede. Man soll sich Zeit nehmen, bewusst “langsamer” leben. Greift dies jedoch weit genug?
Es ist eine der Grundüberzeugungen unserer Forschergruppe, dass Entschleunigung nicht hinreichend ist, um Muße positiv zu bestimmen. Zwar stimmt es sicher, wie Hartmut Rosa gezeigt hat, dass die Moderne durch Beschleunigung gekennzeichnet hat, was ganz entscheidend mit unserem Wirtschaftssystem zusammenhängt.  Aber die Frage ist, was die Alternative dazu sein soll. Entschleunigung jedenfalls ist keine hinreichende Bestimmung, denn Entschleunigung kann auch extrem anstrengend sein. Ich komme gerade von einer Tagung, auf der die Kaffeemaschine mehrere Minuten für einen Kaffee brauchte, was für alle Wartenden ungeheuer nervenaufreibend war. Das mag ein triviales Beispiel sein, aber Langsamkeit als solche macht nicht unbedingt glücklich.

Was ist Muße denn genau?
Wenn wir das wüßten, bräuchte es uns nicht. Wir – damit meine ich den Forschungsverbund “Muße”, dem ich angehöre und in dem wir in Freiburg herausfinden wollen, was “Muße” genau ist. Es ist ein kulturelles Phänomen, eine Bezeichnung für verschiedene kulturelle Praktiken, vielleicht die Möglichkeit von Kultur überhaupt. Außerdem hat “Muße” nicht nur eine philosophische Begriffsgeschichte, sondern es gibt auch ganz verschiedene Kulturen der Muße, die sich geschichtlich ausdifferenziert haben: Briefeschreiben, Reisen, Philosophieren, Museumsbesuche, Meditieren, vielleicht sogar zu “Deichkind” ‘Abrocken‘ —das sind vermutlich alles verschiedene Formen von Muße, und wir versuchen herauszufinden, wie man Muße allgemeiner beschreiben kann.
Ich habe in unserem Online-Journal mir zu dieser Frage einmal anhand einer Definition Gedanken gemacht, die aus einem Konversationslexikon stammt, aber trotzdem einen guten Ausgangspunkt bietet, um über Muße nachzudenken. Wie hat die Philosophie die Muße bislang betrachtet und wie kann sie sie neu denken? Philosophie hat Muße vor allem als ihre eigene Ermöglichung begriffen, also immer von der Philosophie her: Nur wenn es ausreichend Muße gibt, gibt es die Möglichkeit, etwas so ‘Nutzloses’ zu tun wie zu philosophieren. Aristoteles hat das in der “Nikomachischen Ethik”, vor allem im zehnten und letzten Buch, beschrieben. Für ihn hat die Philosophie deshalb ihren Ursprung im alten Ägypten: dort gab es historisch zuerst eine ausreichend große Arbeitsteilung, um eine “Mußeklasse” von Arbeit ganz freizustellen. Damit geht natürlich soziale Ungleichheit einher, was für Aristoteles aber nicht grundsätzlich problematisch ist. In der Moderne gibt es eigentlich keinen maßgeblichen Autor, der eine Philosophie der Muße vorgelegt hat.

Woran arbeitet ihr in Freiburg und was ist dabei schon herausgekommen?
Der Forscherverbund gliedert sich in die drei Bereiche “Konzepte”, “Räume” und “Figuren”. Das sind Leitbegriffe, um verschiedene Mußephänomene sozusagen zu sortieren: Bei den Konzepten geht es neben Kontemplation und Theorie auch um Gelassenheit und Achtsamkeit als Möglichkeiten, Muße zu konzeptualisieren. Bei den Mußeräumen untersuchen etwa unsere Kunstgeschichtler italienische Palazzi der Renaissance mit Repräsentations- und Erholungsräumen, die Romanisten Rückzugsorte, die für das autobiographische Schreiben von Bedeutung sind. Figuren der Muße sind etwa der mittelalterliche Mönch oder der sogennante Nawab, eine Mußeelite im kolonialen Indien.

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Welchen methodischen Ansatz verfolgst du dabei?
Ich gehe davon aus, dass Menschen Muße—und Gelassenheit, was für mich ein zweiter Leitbegriff ist—als wertvoll einschätzen. Aber es ist ziemlich unklar, was damit gemeint ist. Daher befinden wir uns gegenwärtig in der paradoxen Situation, dass alle etwas wollen (Muße, Gelassenheit), von dem alles andere als klar ist, was das eigentlich ist. Hier versuche ich, Aufklärung über unsere normativen Bewertungen zu leisten. Warum ist Muße wichtig für das menschliche Leben? Ich glaube, es gibt zwei falsche Möglichkeiten, über diese Frage nachzudenken: Eine falsche Möglichkeit ist, zu sagen, sie sei deshalb wichtig, weil sie es möglich macht, zu philosophieren oder sich in reine Betrachtung zu versenken. Dies ist die antike Antwort, zum Beispiel eben die von Aristoteles, die sich oft auch in theologischen Kontexten findet. Ein Beispiel dafür aus der Moderne wäre “Muße und Kult” von dem katholischen Philosophen Josef Pieper.

Muße wird aber hier dann immer zweckgebunden gesehen.
Genau! Muße ist hier nur wertvoll, sofern sie der Kontemplation dient. Hayden Ramsay hat 2005 diese Konsequenz explizit gezogen: Spazierengehen, Bücherlesen, Musikhören sind nur wertvoll, sofern sie zu echter Kontemplation führen. Das scheint mir eine problematische Abwertung zu sein, die nicht berücksichtigt, dass es in der Moderne nicht nur ganz verschiedene Formen von Freizeitgestaltung, sondern einen Pluralismus von Formen echter Muße gibt. Diesen sollte man nicht von vornherein aus dem Mußebegriff ausschließen.
Die zweite falsche Antwort besteht darin, zu sagen, Muße diene der Erholung von der Arbeit. Damit ist Muße einfach alles, was man tut, solange es nicht Arbeit ist, womit wahrscheinlich Lohnarbeit gemeint ist. Damit wird nicht nur der Mußebegriff extrem weit gefasst. Man misst die Muße auch an einem falschen Maßstab, denn sie dient dann lediglich der Wiederherstellung der eigenen Arbeitskraft. Es erscheint hier ganz klar, dass Arbeit die eigentliche Form der Selbstverwirklichung ist, und Muße wird Arbeit letztlich untergeordnet. Aber mir scheint, dass wir mit einem Anspruch auf Muße mehr verbinden als bloße Rekreation.

Tobias Keiling Freiburg
Tobias Keiling

Ein Beispiel in der Philosophiegeschichte dafür wäre Marx.
Nicht nur Marx, auch Paul Lafargue, ein französischer Sozialist, hat das in seinem Manifest zum “Recht auf Faulheit” genau gesehen. Lafargue zieht allerdings daraus den radikalen Schluss, man müsse die Menschen dazu zwingen, nur wenige Stunden pro Tag zu arbeiten. Das scheint mir jedoch wiederum zu weit zu gehen, denn nicht-entfremdete Arbeit kann durchaus glücklich machen. Für mich ist das, das Glücksversprechen der Muße, letztlich entscheidend. Aber das findet sich nicht unbedingt nur in der Religion und in erzwungener Faulheit. Was ich selbst darüber denke, warum Muße wertvoll ist, weiß ich im Moment noch nicht genau. Aber ich arbeite an einem Buch, das diese Frage beantworten soll.  

Ist es möglich, heute Muße zu erfahren, trotz der Überfülle an Information, der Permanenz der digitalen Verfügbarkeit?
Ja! Möglichkeiten der Zerstreuung und Ablenkung gab es immer schon. Heute gibt es diese in stärker technisierter Weise, was auch damit zusammenhängt, dass sich auf diese Weise mit der Auflösung von Aufmerksamkeit viel Geld zu verdienen. (Man denke an die Werbebanner auf wyme.de selbst) Aber das Problem der Muße, die Frage, wie sie sich herstellen und ihr Glücksversprechen einlösen lässt, sitzt tiefer als dieser technologische und kulturelle Wandel.

Was kann uns der Begriff der Muße selbst über die Muße sagen?
Muße heißt im Deutschen zunächst einmal so etwas wie “Freiraum” oder “Spielraum“.  Das ist deshalb interessant, weil deutlich wird, dass sie erst einmal die Möglichkeit oder Gelegenheit ist, etwas zu tun, und keine konkrete Tätigkeit. Nur deshalb stellt sich überhaupt das Problem, was man mit seiner Muße anfangen sollte. Da sind dann Unterscheidungen wie die von Muße und Müßiggang relevant: Es gibt eine ‘gute’ Nutzung von Muße und eine ‘schlechte’, den Müßiggang. Es ist sehr interessant zu sehen, wie Muße in unterschiedlichen Diskursen und zu unterschiedlichen Zeiten jeweils bewertet wird. Gerade weil sie ein “Freiraum” ist, kann sie auch als etwas Gefährliches gesehen werden, das soziale Ordnungen bedroht.


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