Vom langweiligen Leben des Astronauten und Kontrollfreaks Chris Hadfield

Vom langweiligen Leben des Astronauten und Kontrollfreaks Chris Hadfield

Wenn ein Arbeitnehmer es sich erlauben kann, eine Autobiographie vor dem 80. Lebensjahr zu verfassen, dann ist er Astronaut. Der Titel verspricht einiges: Anleitung zur Schwerelosigkeit — Was wir im All fürs Leben lernen können. Chris Hadfield will in seinem Buch aus seinem Allaufenthalt Bilanz ziehen, um uns daraus einige Tipps fürs Leben mitzugeben. Was wir geboten bekommen, ist viel Pathos, wenig Tiefgang, und ein bisschen zuviel Sympathie.

Zunächst einmal ist die vorliegende Schrift informativ. Schon am Anfang erfährst du, dass ein Astronaut Windeln trägt, falls die Wartezeit auf der Startrampe zu lange währt, (S.35) oder aber wie viele Minuten es etwa braucht, um die Erdatmosphäre zu durchbrechen.

Auch spürst du, dass du es mit einem grundweg sympathischen Kanadier zu tun hast, der dich seicht an der Hand nehmen wird und dich als Erzähler durchs Buch führen.

Außerirdisch abgehobene Ratschläge

Aber schon auf Seite 50 wirst du schonungslos mit der ersten Lebensweisheit konfrontiert:
„Im Laufe der Zeit lernte ich, Probleme vorauszusehen, um sie zu vermeiden, und in kritischen
Situationen sinnvoll zu reagieren. Ich lernte, meine Ängste zu beherrschen, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren und meine Ziele zu erreichen.“

Einige Seiten später erklärt Hadfield, dass das Wichtigste bei Erfahrungen, die man sammelt, der Lernprozess sei. Dass es sich im Grunde wie ein Kreuzworträtsel verhält, welches zwar schwer ist, aber dich näher an dein Ziel bringen wird — vermutlich, wenn du unbedingt Kreuzworträtsel-Ligist werden willst. (S.58)

Hadfield entfernt sich genau in diesen Augenblicken vom Leser, weil er im wahrsten Sinne des Wortes „abschießt“ in Sphären, die dem Normalmenschen unergründlich bleiben. Im Grunde teilt er dir in diesem Abschnitt schon mit, dass zu einem perfekten Leben auch absolute charakterliche Perfektion gehört. Wer sie besitzt, schaltet Angstgefühle aus und bringt selbst kritische Situationen unter Kontrolle.

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Niemand ist so cool wie Chris Hadfield

Selbst bei einem ausgehenden Feueralarm bleibt Hadfield cool, checkt zunächst einmal die Gefahrenlage, bevor er in Panik ausbricht. Selbst seine Höhenangst, die durchaus ein nettes Drama im Text hätte aufmachen können, wird schnell wieder relativiert. Hadfield erklärt, dass er seine Angst davor überwinden konnte. Wie genau, bleibt für den Leser leider offen.

Und auch hier wird wieder deutlich, dass der Untertitel dem nicht gerecht wird, was er verspricht. Dazu ist die Distanz zu deutlich, dazu ist der Job eines Astronauten zu weit von der Zielgruppe entfernt, die nur aus jungen Schulabgängern oder Grundschullehrerinnen bestehen kann. Jene, die in oberflächlichen, schon lange durchexerzierten Lebensweisheiten eine Epiphanie erfahren.

Dennoch finden sich einige Sätze und Kapitel, die neue Gedanken näher bringen. Ich mag, wie Hadfield über die „Kraft des negativen Denkens“ referiert, was geradezu eine Erfrischung von seinem Positiv-Mantra bietet. Vor allem stellt er sich damit gegen die Tradition des Amerikanismus, die das Positivdenken mehr feiert als den Unabhängigkeitstag am 4. Juli.

Ratgeber-Mantra vom Kontrollfreak

Dennoch macht Hadfield immer wieder den selben Fehler: er will zu früh die Kontrolle über jegliche Gefahrenlage behalten. „Daran führte kein Weg vorbei, aber ich tat mein Bestes, eventuelle negative Folgen vorauszusehen, sodass ich einen Weg finden konnte, sie zu verhindern.“ (S.194)

Wo ist hier der Tiefgang? Der menschliche Abgrund? Wo können wir uns, als durchschnittliche Erdenbürger hier wiederfinden, um daraus eine Lehre zu ziehen?

Als Hadfield sich dann schon ein paar Seiten weiter darauf vorbereitet, für welches Familienmitglied er im Voraus zu seiner Allreise (!) Geschenke zu welchen Anlässen kaufen muss, da wurde in mir die Vermutung wach, dass Chris Hadfield ein hoffnungsloser Kontrollfreak ist.

Selbst wenn Hadfield über Gefühle spricht, wirkt er hölzern, kontrolliert: „Es war ein seltsam schönes Gefühl, so verwirrt und gleichzeitig so entspannt zu sein.“ (S.225) Spannung tischt er uns auf, indem er sie vorweg nimmt. („Das ist schlimm.“) Durch Understatement mimt er den Astronauten-Papa, der uns Lesern plötzlich wieder ganz nah sein will.

Weniger Lebensratgeber, mehr Unterhaltung für Nerds

Nichtsdestotrotz bietet dieses Buch einige interessante Details für Weltraum-Nerds. Selbst ich musste einige Male lachen, weil ich mich durchaus stellenweise unterhalten fühlte.
Doch von dem als Lebensratgeber ausgeschilderten Buch ist nichts hängen geblieben.

So bleibt Hadfield selbst als Weltraumbesucher und Astronaut uninteressant.

Rspekt. Das schafft sicher nicht jeder.




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