Transsibirische Eisenbahn: Einfahrt in die russische Seele

Transsibirische Eisenbahn: Einfahrt in die russische Seele

Russland. Ein unfassbar großes Land, eine schwer zu verstehende Außenpolitik, die uns in diesen Monaten immer wieder beschäftigt. Mein Begleiter und ich treffen innerhalb von elf Zeitzonen auf ein Volk, das uns zutiefst beeindruckt. Die Reise mit der transsibirischen Eisenbahn führt direkt in Russlands Seele.

Vor ein paar Jahren noch, da hatte ich ein Bild von Russland im Kopf, das stark von Anna Karenina, Doktor Schiwago, Dostojewski und Tolstoi geprägt war. Der europäische Teil dieses Kontinents ist von Deutschland aus leicht zu erreichen, aber trotz einfacher Visumsbeschaffung kenne ich nur wenige Menschen, die Moskau besucht haben. Fernab von der politischen Lage und humanitären Unzulänglichkeiten, die auf den Straßen kaum laut werden, will ich dieses Land verstehen.

Als wir in Moskau landen, ist die Temperatur tief unter die Minusgrade gefallen. Wir stehen kurz vor dem Jahreswechsel; kurz vor dem Weihnachtsfest und vor den großen Ferien, in denen ein Großteil der Wirtschaft für elf Tage seine Tore schließt. Es sind noch knapp drei Tage, bis ich die transsibirische Eisenbahn besteigen werde. Diese ist, so wird es uns erklärt, mit dem deutschen ICE zu vergleichen, eine normale Reisemöglichkeit für die Marschroute von Familien, Alleinstehenden und Geschäftsleuten.

Monate vor der Reise sah ich trunkene Männer mit starkem rechten Haken vor meinem inneren Auge; sah korrupte Polizisten und strenge Beamtinnen, die mich in Verhörzimmer zerren und mir eine Lampe ins Gesicht halten. Diese Geschichten von Verwandten und Freunden werden lauter, als ich in die Rossyia Nummer 2 steige. Jeder von ihnen kennt einen Russen oder Kasachen, der in einem dieser Züge ausgeraubt wurde. Aber ich spüre die Sicherheit, die sich daraus ergibt, dass wir mit fünfzig anderen Reisenden ein Abteil teilen werden. Der Russe, so lernen wir es, fühlt sich für seine Leidensgenossen auf dieser Welt verantwortlich.

Die dritte Klasse ist solide. Sie hat Klassenfahrtcharakter. Es gibt jeweils zwei Hochbetten mit sporadischen Treppenaufstiegen und zwei nahe des Bodens; an der anderen Fensterseite gibt es welche, die sich zu Tischen umfunktionieren lassen. Die Toiletten sind einfach und selten sauber. Wir müssen das Papier in einen Eimer daneben werfen, es stinkt zuweilen, wenn sich einer nicht daran hält.

Das ist unsere Kulisse für den den Aufbruch in ein Abenteuer: Wir sind auf dem Weg nach Sibirien. Diesen sagenumwobenen Fleck; Synonym für Hinterwäldlerisches. Die Provodnitsa, so heißen die Zugbegleiterinnen, sprechen nur Russisch, auch die jüngeren Mitreisenden verstehen unsere englische Gesuche nicht. So konsultieren wir unser Wörterbuch, lernen Wörter wie „Spasiba“ und „Do Svidaniya“ und wiederholen diese leise in die Dunkelheit hinein, die von dem leichten Ruckeln des Zuges getragen wird.

Die Einfahrt nach Nowosibirsk führt an sowjetischen Plattenbauten vorbei. Die Sonne spiegelt sich in den Fenstern der Hochhäuser, Rauch steigt aus den Schornsteinen und der meterdicke Schnee wartet auf die Straßenverkäufer. „What are you doing in Sibiria?“, werden wir gleich am Eingang des Hotels gefragt. Ja, was machen wir eigentlich im tiefsten Sibirien bei Minus 25 Grad? Gibt es auf diese Frage eine Antwort? Eine, die über die Floskeln Reisender hinaus geht?

Wir haben uns vor der Reise mit Wurst und Wodka eingedeckt, die Basiszutaten der russischen Freundschaft. Im Zug will niemand davon wissen, sie alle trinken Tee. Literweise. Es braucht keine drei Tage um zu verstehen, dass der alkoholisierte Russe einer Randerscheinung der Gesellschaft ist.

Der gemeine Russe ist still. Er erhebt selten seine Stimme. Er wählt Worte mit Bedacht und lebt alleine im Labyrinth seines Charakters. Er ist Stratege und stellt die Figuren weit von denen seiner Mitmenschen weg, nur um diese in einem cleveren Schachzug für sich einzunehmen.

Die Frauen tragen ihre Pelzmäntel auf den Lenin- und Karlstraßen der ehemaligen Sowjetunion auf und ab. Wenn wir eine von ihnen ansprechen, geht sie weiter, nicht ohne uns freundlich anzulächeln. Russinnen verschenken nicht wahllos ihr Herz. Sie sind distanziert, skeptisch, vorsichtig. Der westeuropäische Geist, offen und aufdringlich, wird von ihnen mit Misstrauen beäugt.

Ich schaue oft stundenlang aus dem Zugfenster. Es sind nicht unbedingt die lebensbedrohlichen Fragen, die ich mir stelle. Vielmehr bekommt das Banale wieder einen Stellenwert. Ich denke zum Beispiel lange darüber nach, welche die Hauptstadt von Bulgarien ist. (Sofia, das weiß ich jetzt.) Und warum der Samowar am Ende des Abteils in der deutschen Sprache ebenso geläufig ist. Immer mehr genieße ich den Kontakt zu den Russen. Sie drehen regelrecht auf, werden geschwätziger, wenn wir ihnen ein Stück näher kommen. Wenn wir mit ihnen kommunizieren, heben wir die Hände zu einem Tanz.

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Ich bin sensibel. Ein falsches Wort und ich kann mich im italienischen Mafiajargon verlieren. In Russland aber ist mir der scharfe Ton der Menschen eine Wohltat; die Ehrlichkeit der Menschen ist der Grund dafür, dass ihre harten Worte mich kaum treffen. Weil sie ein Jedes mit Bedacht wählen. Wie könnte ich eines davon falsch verstehen?

Tagelang fährt der Zug durch die Schneelandschaft, die Wolldecke habe ich um meine Füße gewickelt. Ich spreche wenig und schreibe viel. Je tiefer wir in die sibirische Region einfahren – unser letzter Halt wird Irkutsk sein, das ist burjatisches Gebiet – desto sicherer fühle ich mich in diesem Land. An einem Morgen wache ich auf und frage mich das, was sich jeder Reisende irgendwann fragt: Könnte dies für mich eine Heimat sein?

Dieser Gedanke wird mich begleiten. Wie das entfernt klingelnde Abbremsen eines Zuges.
“What are you doing in Sibiria?”– Я ищу дом для моей души; “I am looking for a home for my soul.”

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Mehr Berichte über die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn:

www.lauraelisanunziante.de


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