The Other Afghan Diary (3): <br><font color="#21759">Che in Kabul: wo Literatur, Musik und Krieg sich treffen</font>

The Other Afghan Diary (3):
Che in Kabul: wo Literatur, Musik und Krieg sich treffen

2014 und der Abzug der NATO aus Afghanistan prägt unverändert die Schlagzeilen. Nicht weniger als 48 ausländische Staaten sind über die Jahre Teil der Intervention geworden. Das ist eine oft überbordende Vielfalt an Normen, Zielvorgaben, aber auch Herausforderungen, die auf die afghanische Kultur einströmen, wie unschwer zu erraten ist.

Abseits der kulturellen Ereignisse, die oft fremdbestimmter sind, als es scheint — Beispiele dafür sind Skateboarding oder Graffiti-Kunst — sucht eine junge Generation nach eigenen Impulsen, egal ob im Mainstream oder abseits davon.

Eine Begegnung in Kabul, so beiläufig wie typisch

In der afghanischen Dependence des Schriftstellerverbands PEN, im residenziellen Kabuler Wohnviertel Tahimani, registrieren die Mitglieder diese Wechselbäder der Geschichte aufmerksam. Geschäftsführer Waheed Warasta ist Ende dreißig und scheut sich nicht, Vorbilder der sozialistischen Hemisphäre offen zur Diskussion zu stellen.

Keine Russen allerdings. An diesem Abend wird über Ché Gueveara und sein politisches Leben geredet. Als Anlass dient der 86. Geburtstag von Fidel Castro.

„Die US-Regierung redet viel über Demokratie und Menschenrechte in Afghanistan“, meint Warasta, „Che Guevaras Leben erinnert uns daran, dass die USA in vielen Ländern Südamerikas politische Führer gegen die Willen der Bevölkerung durchgesetzt haben. Leute wie Hamid Karzai.“

Die Jugend Kabuls versammelt sich

Dutzende junge Männer aus Kabul, darunter viele Studenten, sind an diesem Abend zur untergehenden Sonne bei Tee und Kebab in den Garten des PEN-Zentrums gekommen. Sie warten auf einen Dokumentarfilm über die kubanische Revolution.

Die meisten Jungakademiker sind adrett frisiert. Viele mit einer Brille mit breitem Gestell, Marke VWL-Student — Kennzeichen der Rückkehrer aus dem iranischen Exil. Warasta hat Fähnchen drucken lassen — kubanische und afghanische— und den Garten damit dekoriert.

Nichts wirkt verbissen hier, eher wie auf der Suche nach einer Parodie. Der Film muss warten. Noch ist es zu hell draußen. Dafür spielt ein Duo mit Klappstühlen von einer improvisierten Bühne.

Man o tu. Ich und du, nennen sich die beiden mit Gesang und Gitarre. Kabul heißt das Lied und trifft ins Herz der jungen Männer um mich herum. Der langen Beifall am Ende lässt keinen Zweifel:

KABUL (Liedtext)
Autoren: Man o tu (Ich und du)

Kabul, Flut von sexy Fernsehbildern,
aber immer nur auf Enthaltsamkeit geeicht.
Keine Freundin an deiner Seite.
So werden wir groß.

Kabul, immer auf der Suche nach etwas Neuem,
das sich nach Liebe anfühlt.
Geschäftemacher außer Rand und Band,
die deinen Weg kreuzen,
zwischen Bettlern und Arbeitslosen.

Kabul, fremdbeherrscht.
Im Inneren, wie von außen.

Deine wippenden Hüften und süßen Lippen
zwitschern wie eine Nachtigall.
Du schluckst meine Seele mit der Zunge.
Dein Kleid und dein Parfum
gehen im Takt mit deinem iPhone 4.

Während ich, gierig aber ohne Beschäftigung,
von unserem ersten Date am Taj Begum träume.

Bleib bei mir.
Lass sie ruhig reden über uns.
Du bist vom Asmaie. Ich aus Afshar.
Ich gehe mit dir nach Pol-e-Surkh,
was immer auch kommt.

Kabul.
Hausgemachter Wein und Drinks.
Gedanken, die nur weg wollen von hier,
aus dem Land der Schlagzeilen
und der politischen Tricksereien,
in irgendwelchen Hinterzimmern.
Summe mit mir, Kabul. Summe…

 Die Frau von Waheed Warasta, eine bekannte TV-Moderatorin, hat ihren Mann gewarnt: Er werde sich mit der Veranstaltung zu Ehren von Che Guevara politische Feinde machen. Auf Facebook werde sein Enthusiasmus für die südamerikanische Linke „pharaonisch“ genannt.

Ein Vorwurf nicht weit entfernt von Blasphemie, versucht Warasta einzuordnen. Eine Kampfansage konservativer Widersacher in jedem Fall. „Nervenkrieg“, meint er gelassen.

„Nicht alles auf die Goldwaage legen, empfiehlt er, wie zur Selbstberuhigung, sich und vermutlich auch seinen Kritikern. Seine Familie, schildert er sein Dilemma, sehe die gemeinsame Zukunft gerne an einen anderen Ort. Sicherer. Jetzt, wo der Abzug der NATO anstehe, und vieles einer undefinierbaren Zukunft entgegengeht.

Der nächste Morgen, so bitter-süß wie das Kabul-Lied

Für Warasta ist das Land zu verlassen keine wirkliche Option, verrät seine Haltung. Der Gang ins Exil sei Selbstmord auf Raten, sinniert er. Viel lieber redet er über Nirvana, seine Tochter. Vier Jahre alt.

Glaubt man den Klängen des Kabul-Liedes, das gerade verstummt ist, dann gibt es ein Morgen in der Hauptstadt und für den Konflikt. Eine Zukunft, die anders wird, als es sich der Westen denkt.

Weniger schwarz-weiß. Mit Grautönen stattdessen, bitter im Geschmack, immer wieder. Und manchmal überraschend süß.

Text & Bild/Copyright: Martin Gerner

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