Supralittoral—eine Fotoserie von Luca Longagnani

Supralittoral—eine Fotoserie von Luca Longagnani

Der italienische Architekt Luca Longagnani lebt und arbeitet seit vier Jahren in Berlin. Für wyme hat er exklusiv die Fotoserie Supralittoral erstellt. Supralittoral verbindet Eindrücke von Los Angeles und dem Yosemite National Park. Wir haben uns mit ihm über die Bedeutung dieser Fotoserie, wie Berlin seine Wahrnehmung beeinflusst, über die Wahrheit in der Kunst und die grausame Schönheit von Los Angeles unterhalten.

International readers please scroll down for an English version of this interview.

Klicke einfach auf eines der Bilder, um die Galerie zu öffnen.

wyme: Was möchtest du mit deiner Arbeit ausdrücken?

Luca Longagnani: Die Bilder, die ich hier für euch zusammengestellt habe, haben den Titel „Supralittoral“. Ich zeige die Bilder zum ersten Mal öffentlich. Die Hauptidee hinter Supralittoral ist der Versuch eine Traumdimension nachzuempfinden, in der es keinen Unterschied mehr zwischen Tag und Nacht gibt, sondern nur eine verschwommene und metaphysische Verschmelzung der beiden. Die Stimmung ist absichtlich subtil und nicht zu künstlich, was etwa durch eine zu starke Nutzung von Effekten so werden würde. Das gewünschte Ergebnis wird eher durch den pechschwarzen Himmel erreicht. Da ich hauptberuflich Architekt bin, habe ich wenig Zeit, mich voll auf meine Fotografie zu konzentrieren. Außerdem bin ich Perfektionist. Ich achte sehr auf Details und lasse mir viel Zeit. Insgesamt habe ich noch kein allgemeingültiges Prinzip für meine fotografischen Arbeiten gefunden. Ich erstelle gerne kleine Serien wie diese hier, innerhalb derer ich jedes Foto individuell ästhetisch und konzeptionell koordinieren kann. Jedes Set ist inspiriert von meinen Überlegungen zu neuen Orten, die ich besuche, oder neuen Brauchtümern, die ich kennenlerne.

Wo hast du die Fotos gemacht und was war deine Inspiration?

Die Fotos entstanden letztes Jahr in Amerika. Während meines Aufenthaltes war ich stark berührt von den zahlreichen Orten, die ich besuchte, aber die zwei, die mich am meisten beeindruckten, waren Los Angeles und Yosemite National Park. Für ein europäisches Auge sind beide völlig ungewöhnlich. Los Angeles, sowohl in seiner Ästhetik wie auch in seiner Funktionsweise, kann in keine Kategorie westlicher Städte eingeordnet werden. LA ist einzigartig in seiner Unheimlichkeit und verblüffenden Schönheit. Die Stadt hat eine dominante horizontale Komponente. Durch die vorherrschende Bauweise hat sich LA über ein schier endloses Gebiet ausgebreitet, bebaut mit unendlich vielen anonymen, sehr flachen Häusern. Dadurch hat LA eine außergewöhnliche Infrastruktur und die Menschen bewegen sich fast ausschließlich mit dem Auto fort. Das wiederum beeinflusst die Art wie die Angelinos in der Stadt leben. Du wirst selten eine größere Gruppe Menschen zusammen auf der Straße sehen. Öffentliche Plätze gibt es fast gar nicht. Diese Aspekte haben die sterile Sicht und einsamen Geometrien der Bilder in der ersten Hälfte von Supralittoral beeinflusst.

Yosemite hingegen ist ein Tempel der Ruhe. Aber die Formen seiner Landschaft sind lärmerfüllt, unheilvoll und beunruhigend. Die U-förmigen Täler, die vom Eis ausgeschnitten wurden, lassen die Berge wie natürliche Wolkenkratzer aussehen, die alles andere als zähmbar sind. Ruhige Besinnlichkeit findest du in den Bildern nicht. Sie werden eher von einem ehrfurchtgebietenden Gefühl der Gefahr und Distanz dominiert.

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Luca in Berlin.

Warum hast du die Bilder gegenübergestellt?

Um zu zeigen, wie unfähig die Formen der Subjekte sind, die Essenz ihrer Orte, zu denen sie gehören, auszudrücken. Es gibt eine Diskrepanz zwischen den ruhigen Formen und der chaotischen, ja hysterischen Natur LAs wie es auch eine Diskrepanz zwischen der ruhigen Natur von Yosemite und seinen lauten Formen gibt. Beide Orte zeigen also einen inneren Widerspruch, der jeweils vom anderen perfekt auf umgekehrte Art ausgedrückt wird. Das ist jedoch nicht die einzige interessante Gegenüberstellung, die in dieser Fotoserie ausgedrückt wird. Die Struktur von Supralittoral wird tatsächlich durch die verschiedenen Ebenen der Widersprüche ausgedrückt. Wichtig ist daher auch, wie das Licht sich innerhalb der Bilder verteilt und vor allem, wie das die Grenzen zwischen Erde und Himmel beeinflusst. In der Stadt behalten die Gebäude ihre scharfen Kanten und errichten somit eine klare Trennlinie zum Himmel. In der Natur werden die Berge vom Himmel nahezu aufgefressen. Dadurch entsteht eine verschwommene unklare Grenze. Ich finde es interessant zu sehen, wie der Himmel diese verschiedenen Beziehungen mit den beiden Subjekten der Bilder herstellen kann und wie ihre jeweilige Geometrie eine wichtige Rolle dabei spielt, wie diese definiert wird.

Was ist dein wichtigster Einfluss in deiner künstlerischen Tätigkeit?

Architektur spielt eine sehr wichtige Rolle, denn hinter meinen Fotoserien gibt es immer eine klare Struktur; visuell ebenso wie konzeptuell. Des Weiteren würde ich sagen, dass das Feingefühl, das ich durch meine architektonischen Arbeiten entwickelt habe, mich einen ganz eigenen Blickwinkel bei der Fotografie wählen lässt.

Welche Künstler oder Fotografen inspirieren dich?

Am meisten wohl Robert Longo und Robert Mapplethorpe. Ich liebe Robert Mapplethorpes elegante und behutsame Art, die er sogar bei sehr provokativen Themen nicht verliert. An Longo bewundere ich sein Talent für Tragik.

Neben diesen beiden sind italienische Fotografen wie Franco Fontana, Luigi Ghirri und Gabriele Basilico eine sehr wichtige Quelle der Inspiration für mich. Nicht zu vergessen Alighiero Boetti, Giusepe Penone und die meisten der Arte-Povera-Künstler.

Hat Berlin deine Wahrnehmung verändert?

Berlin spielt tatsächlich eine sehr große Rolle, denn es beeinflusst meine Arbeit und vor allem mein Denken. Berlin ist zunächst einmal ein Ort, der es dir sehr leicht macht mit den verschiedensten sozialen Strukturen in Berührung zu kommen. Von der politischen Elite bis zum Bodensatz der Gesellschaft. Da das Leben in Berlin so billig ist und es sich  fast jeder leisten kann, dort zu leben, haben die Leute einfachen Zugang zum großen kulturellen Angebot der Stadt. Die kreativen und kulturellen Orte und Events in der Stadt werden zu Treffpunkten von Personen aus verschiedenen sozialen Schichten. Zudem neigen Leute, die nach Berlin ziehen, dazu eine sehr unvoreingenommene Einstellung zu entwickeln und sind deshalb viel offener, neue Lebensweisen auszuprobieren und zu akzeptieren. Und genau das hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und mich Dinge verstehen lassen, die vorher eher befremdlich waren. Für jemanden, der in einer großen Stadt aufgewachsen ist, ist das vielleicht selbstverständlich. Aber ich komme aus einem wirklich kleinen Dorf in Italien.

Aber was macht Berlin so besonders?

Die dunkle und raue Seele der Stadt. Vermutlich würden manche dieser Einschätzung widersprechen …

… das heißt, die Stadt als bunt und frei bezeichnen …

Ja. Aber meine Sicht ist stark beeinflusst von der Geschichte, der Architektur und dem Wetter Berlins. Ich bin vor vier Jahren nach Berlin gezogen, weil ich von der New Wave und Industrial Musik der 80er in Deutschland stark beeindruckt bin. Auch der deutsche Expressionismus gefällt mir sehr. Ich war sehr überrascht, als ich stattdessen eine düstere Technoszene und sehr raue und eigentlich schon fast primitive Kunstszene vorfand, die mich beide sofort begeisterten. Im Winter ist Berlin ein noch raueres Pflaster und recht trostlos. Nachts brennen kaum Lichter, weil die Stadt pleite ist. Zudem stehen hunderte Gebäude in der Stadt leer und es gibt weiträumige Flächen, die einfach brachliegen.

Wie stark werden Menschen von geometrischen Formen in ihrem Verhalten gelenkt?

Der Mensch kontrolliert und formt den Raum um sich mittels der Geometrie. Und die Art, wie dieser Raum geformt wird, beeinflusst menschliches Zusammenleben sehr. Geometrie kann also durchaus dazu genutzt werden, schädlich zu sein. Andererseits können geometrische Formen auch zu einer positiven Entwicklung beitragen.

Da wir viel über Kunst und geometrische Strukturen gesprochen haben: Glaubst du, dass Kunst, das heißt große Kunst, Wahrheit ausdrückt?

Ja. Ich würde sagen, Kunst ist eine Erforschung der Wahrheit. Kunst ist der Versuch, ins Offene zu bringen, was hinter den Dingen liegt. Der Künstler, das ist der echte Künstler, ist damit derjenige, der die Dinge nicht einfach hinnimmt, sondern sie erkundet. Er versucht, ihre Bedeutung zu finden und wie sie auf einer metaphysischen Ebene interagieren. Daraus entsteht dann das Werk, das wirklich ein Kunstwerk ist. Der Moment, der Augenblick der künstlerischen Schöpfung ist derjenige, in dem die Erkenntnisse des Künstlers sich im Werk materialisieren.

English version:

wyme: A very simple as much as a very difficult question: What do you wish to express with you work?

Luca Longagnani: The pictures that I’m presenting on your blog consist of a sequence of six shots grouped under the name “Supralittoral”, which I’m revealing here for the first time. Since my main occupation is architecture, I’m only able to devote my spare time to photography.  While this has affected the amount of work that I’ve been able to produce over the years, it doesn’t detract from the amount of care that I put into each work.

Back to your question, so far I haven’t found a unified project behind my photography as a whole. I like to work within a small series and to coordinate each image individually, both aesthetically and conceptually; each set is inspired by considerations and reflections raised mostly when I visit new places or come in contact with new customs. The main concept behind “Supralittoral” is the attempt to recreate a dream dimension in which there is no division between day-time and night-time, but instead a blurred and metaphysical fusion of the two. This atmosphere is intentionally subtle and not too explicit or contrived by an overuse of effects. It is rather obtained by a delicate playing with a few elements such as the pitch-black sky.

Where were the pictures taken and what was your inspiration?

The pictures of ”Supralittoral” were shot last year when I spent one month in the USA. During my stay I was deeply captured by numerous places, but the two that struck me the most were Los Angeles and Yosemite. A city and a national park; both harbouring features that are novel to the eyes of a European citizen.

Los Angeles, both in its aesthetics and the way that it functions, doesn’t belong to any category of an existing western city that I know of. It is entirely unique in its weirdness and uncanny beauty. The city has a dominant horizontal component which, due to its low-density of construction over the decades, has led to its sprawl over on an infinite amount of territory with low and anonymous houses. Thereby Los Angeles has an articulated infrastructural network, and people move within the city mainly by car. This deeply affects the way Angelinos live in the city: it’s very rare to see large numbers of people on the streets and thus open public space is almost completely missing.

Those aspects informed the aseptic view and lonesome geometries of the pictures of the first half of “Supralittoral”. Yosemite is a national park, therefore a temple of tranquillity. But the shapes of its landscape are noisy, ominous and disquieting. The U shaped valleys carved by the ice over history have caused the mountains to resemble natural skyscrapers, which are everything but tameable. No quiet contemplation of nature informs these pictures; they are rather dominated by a sublime feeling of danger and distance.

What is the idea behind that to juxtapose them?

To show the ineptitude of the subject’s forms in carrying the essence of the places to which they belong. There is a lack of correspondence between the quiet shapes and the chaotic/hysterical nature of Los Angeles, and also between the noisy shapes and calm nature of Yosemite National Park.  Both places have an inner contradiction, each of which is perfectly inverted by the other.

This is not the only juxtaposition contained in this set of pictures. The structure of “Supralittoral” is indeed articulated through different levels of oppositions. The second level of juxtaposition concerns the way the light distributes itself within the picture, and in particular how it affects the boundaries between earth and sky. In the city, the buildings maintain their sharp edges, establishing a clear separation from the sky; in the nature, the mountains are eaten away by the sky, establishing a blurred and unclear boundary of separation. I find it interesting to see how the sky generates this different relationship with the two subjects of the pictures and how their geometry plays an important role in defining this relation.

I have introduced the third and last level of juxtaposition myself with my deliberate choice to diversify horizontal and vertical pictures.

Who are your main influences?

I think architecture plays a very important role in my work: there is always a structure behind my photographic series, both conceptual and visual.  Furthermore, I would say, that the sensitivity I’ve developed through my architectural practice has led me to my choice of what to photograph and which language to adopt.

Besides this consideration, specific personalities that I’ve always appreciated and have thus probably influenced my work are Robert Mapplethorpe and Robert Longo: I love Mapplethorpe’s gentle and elegant touch even when representing very provocative themes and Longo’s ability to constantly reach a high level of tragedy.

Italian photographers such as Franco Fontana, Luigi Ghirri and Gabriele Basilico have also always been an important source of inspiration.

Other figures that I deeply value but to which I use a very different expressive language are Alighiero Boetti, Giusepe Penone and most of the Arte Povera exponents.

How does Berlin influence your perception and your production?

I would say that Berlin has a significant role in shaping my way of working and thinking.

First of all, Berlin is a place that offers the chance of easily intermingling with a wide range of social environments, from the most ‘elite’ to the bottom of the barrel; this is something that rarely happens in other big European capitals.

Indeed, since living in Berlin is economically affordable for almost everyone, people have easy access to all the cultural and recreational events offered by the city. These events and spaces become meeting points in which persons with different cultural and sociological backgrounds get to mingle with each other. On top of that, people that move to Berlin have a tendency to develop a very open-minded attitude and are thus willing to experience all kinds of social combinations.
Getting in touch with different environments has helped me to open my eyes and to understand points of view, which are different from mine. This aspect may be taken for granted by people born and raised in big cities; you must consider that I come from a very small village in Italy.

When we talk about the features of the cultural scene and of the innate soul of Berlin, I would describe them as dark and rough. Some people could disagree of course, but this is my point of view, which I find broadly shared, and it comes from considerations about Berlin’s history, architecture, weather and artistic expressions. I moved to Berlin four years ago partly because I was attracted by the new wave and industrial music of Germany in the 80’s, and by the expressionist art. I was surprised to instead discover a deep, dark techno scene and a very rough and rude kind of art production, which I embraced instantly. The expressive language changed over the years, but its essence has remained. Besides that, you have to consider that Berlin in the winter can be a pretty tough and bleak place, and at night the city is not artificially lit up so much for energy reasons. Furthermore, the city is full of spectral and abandoned spaces, which have not yet been renewed by the construction process that started after the fall of the wall.

How important do you think are geometric structures for human beings? 

Geometry is the means though which humans control and shape the space around them and space affects the way men live and interact. Depending on the purposes with which geometry is used it can be harmful or it could support development.

Now this probably seems like a weird question. But do you think that real art expresses truth?

I believe art is a research of truth, an attempt to unveil what things hide behind them. The artist should undertake a deep investigation of things, to understand what they mean and how they interact on a metaphysical level. Out of this research the artist derives the thoughts and concepts to instil within his production. The moment of the artistic creation is the moment in which those concepts are materialized into a form with the hope to lead the public not necessarily to agree with what has been expressed, but to meditate on it, and thus to enrich their personal experience of the world.


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