¡Socialismo o Muerto!

¡Socialismo o Muerto!

Erleichtert steige ich nach zehn Stunden Flugzeit aus dem Flieger und rieche schon an der Luft, dass hier alles anders ist. Sie ist dick und klamm, ich möchte sie auseinander reissen, aber die Hitze dahinter ist auszuhalten. In einer Art Kiste sitzt ein dunkelhäutiger Polizist mit hellblauen Augen und blättert durch meinen Reisepass. Mit einer billigen Webcam macht er ein Foto von mir. Er grinst mich an.

„Did you have nice flight?“ „Was a bit bumpy,“ antworte ich.
                                                             Ich habe nicht den Eindruck, dass er mir diese Frage zur Sicherung der Staatssicherheit stellt. Als ich gehe, zwinkert er mir zu.

„Taxi, Taxi,“ rufen ein paar Männer in weißen Hemden uns zu. Wir sind überfordert, ob der Möglichkeiten, die uns in der Silvesternacht bezüglich der Taxiwahl offeriert werden. In Kuba allerdings wirst du als Tourist damit förmlich überhäuft 
Wir entscheiden uns für den Fahrer in einem weißen Kombi, dessen Licht auf der einen Seite recht schwach ist und auf der anderen Seite erst gar nicht vorhanden. Als wir keine Anschnaller finden, lacht der kubanische Fahrer uns aus, laut und lange lacht er, und während der Fahrt macht er immer wieder den Motor aus. So richtig scheint das mit der Beschleunigung nicht zu funktionieren, besonders dann nicht, wenn du zuvor stark abbremsen musstest, weil ein Landsmann seelenruhig über die Autobahn spazierte. Es ist dunkel draußen, eine Beleuchtung auf den holprigen Straßen scheint es hier nicht zu geben. Nur das helle Licht des Mondes fällt in seinen Rückspiegel.

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Unsere Ferienwohnung ist ein Bungalow, den wir vierzig Minuten später erreichen.  Im Vorgarten stehen zwei riesige Königspalmen. Die Fenster und Türen sind mit dicken, schwarzen Gittern abgeriegelt. Der Fahrer möchte 40 CUC von uns und ich sage ihm, dass ich nur einen 50 CUC Schein habe. Er zuckt mit den Schultern, das wäre dann wohl mein Pech, und Wechselgeld habe er auch nicht. Also gebe ich ihm die sowieso schon überteuerten 50 CUC und schicke ihn zum Teufel. Vor uns öffnet sich das Eisentor und ein älterer, kleiner Mann mit einer viel zu großen Hornbrille steht vor uns.
 Es ist Fanjul, unser Vermieter des casa particulares, so heißen hier die Zimmer und Wohnungen, die von Privatfamilien an Touristen für etwa fünfzehn Euro die Nacht vermietet werden.
                                                           „Hola, que tal?“ ruft er fröhlich. Wir folgen ihm in die Wohnung. Das Schlafzimmer ist ein ungemütlicher, gefliester Raum mit einem robusten Holzbett und einem kleinen Schrank, und die Küche ist scheinbar ein guter Treffpunkt für Ameisen. Aber egal, wir sind glücklich, wir sind unterwegs, in der Welt, Erdenbürger, irgendwie.

Stunden später – es muss mitten in der Nacht sein – dreht unser Nachbar seine Boxen so laut auf, dass wir meinen, diese stünden direkt neben uns. Eine aufdringliche Männerstimme singt laut zu einem obszönen R’n’B Song. Ich gehe nach draußen und setze mich auf einen Schaukelstuhl. Ich beobachte was hier, mitten in der Nacht, mitten in der Karibik, vor sich geht. Jede Minute erwarte ich, dass Ingeborg Schneider mit einem Nudelholz auftaucht und damit droht, die Polizei zu rufen, aber stattdessen taucht ihr kubanisches Äquivalent auf: eine etwa 85-jährige Dame in Hotpants und einem pinken Spaghetti-Top. Zwischen den Tanzenden wackelt sie stark mit den Hüften, so dass ich nicht glauben kann, dass sie nicht doch bis ins hohe Alter noch Kinder gebärt.

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Ich lese im Reiseführer, dass Stereoanlagen und Boxen zum Standard eines jeden kubanischen Haushalts gehören. In der Tat, als wir uns am nächsten Tag bei zweiunddreißig Grad die Nachbarschaft anschauen, fehlt vielen Bewohnern zwar ein Kochtopf, aber sie alle besitzen fast ausnahmslos eine Stereoanlage mit dicken Boxen. 
Wir gehen bis zum Ortskern von Guanabo und auf dem Weg hupen uns immer wieder blaue, rote oder gelbe amerikanische Chevys an, manche von den Fahrern tragen einen Cowboyhut. Erst später werden wir erfahren, was es damit auf sich hat, dass diese immer wieder am Straßenrand anhalten und wahllos Menschen einsammeln.

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Das „Café Marylane“ ist eine kleine Wellblechhütte, die komplett mit Gittern abgeriegelt ist. Von dort aus riecht es bis über die Straße nach heißgekochtem Öl. Wir haben Hunger, suchen nach CUC-Preisen, stattdessen finden wir auf der Karte nur den Dollar.
 Mein Freund kann ein paar Worte Spanisch, noch in Kindertagen lebte er sechs Jahre in Spanien und auch hier gilt: wer spanisch kann, ist in Kuba ein gern gesehener Gast.
Englisch wird hier weder gut noch gerne gesprochen, aber wir bekommen sie, zwei Tortillas, heiß-dampfend und auf verdreckten Plastiktellern serviert.

Zurück bekommen wir nationale Pesos, die eigentliche Währung in Kuba, das moneda nacional. Wir haben für ein Tortilla umgerechnet zwanzig Cent bezahlt, jetzt halten wir 230 Pesos in der Hand und wissen nicht wohin damit. Ein Kubaner, bei dem wir nachfragen, erklärt uns, dass der nationale Peso nichts wert sei, ein Fall für die Mülltonne.

Milch, Rum, Zigarren, Kaffee bekommst du nur für CUC, die Pesos convertible, das Geld womit sich die reichen Touristen wohl die vergoldeten Bäuche einreiben. Jeder Kubaner sei hinter den CUCs her, aber der Staat rücke diesen für seine Landsmänner nie freiwillig heraus. Ich frage ihn, wie er es dann schafft, ohne den CUC zu leben.

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„Welcome to Cuba,“ lacht er und ich sehe, dass er nur noch zwei Zähne im Mund hat.

An einer nur teilweise gestrichenen Hauswand neben uns, entdecken wir ein gemaltes Bild von Fidel Castro. Darunter steht in roter Schrift: „Socialismo o muerto.“
Sozialismus – oder Tod. Anders scheint es hier nicht zu gehen.

Mehr von Lauras Reise nach Kuba:

Teil II — Die Idylle hinter der Mauer


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