Schule ohne Mobbing gibt es nicht

Schule ohne Mobbing gibt es nicht

Vor der grauen Fassade des Hauses mit der Glastür prangt ein eisernes Schild: „Schule ohne Rassismus“, steht dort in großen Lettern mit schwarzer und weißer Farbe auf dem von Schnee bedeckten Metall. Kai steht zwei Jahre nach seinem Abschluss erneut vor dem Eingang seiner alten Schule. Seine Hände ballt er zu Fäusten, während er mehrere Minuten lang einfach nur dasteht und auf das Schild starrt. Plötzlich versetzt er einem Schneehaufen, nur wenige Meter weiter, einen Tritt.

„Das Versprechen dieses Titels ist so leer und geheuchelt, dass es mich krank macht“, sagt der 22-Jährige zornig. Neun Jahre lang schritt der heutige Student der Biologie durch die dunklen, mit Eisen verkleideten Glastüren. Immer von Montag bis Freitag. Seine ehemalige Schule präsentiert sich seit Jahren als ein Ort, der frei von Rassismus und jeglicher anderer Art von Mobbing ist.

Irgendwann hielt er dann endlich den Schlüssel in der Hand, seiner persönlichen Hölle zu entfliehen. Er hatte die Prüfungen bestanden und sein Direktor überreichte ihm das Abitur.

„Nach außen hin versucht eine Schule immer zu strahlen, aber innen modert und fault es“, sagt Kai. Die Anspannung hat seinen Körper verlassen, seine Schultern hängen herab und er starrt mit leerem Blick auf die Reste des Schneehaufens.

So fing für Kai alles an

Mit 11 Jahren wechselte er ans Gymnasium. In der Grundschule ist er bis zum Ende einer der Anführer. Von seinen Mitschülern wird er respektiert, von seinen Lehrern unterstützt. Voller Vorfreude auf die neue Schule kann er das Ende der Sommerferien kaum erwarten.

Als es endlich so weit ist, wird er bitter enttäuscht. Auf dem Vorhof der Schule glaubt er den großen Bruder eines Freundes in einer Gruppe von fünf älteren Gymnasiasten zu erkennen. Freudig läuft er auf ihn zu. „Hey Hannes! Hannes, cool dass Du auch da bist!“, ruft Kai.

Einer der anderen Jungs aus der Gruppe stupst Hannes an der Schulter, murmelt ihm etwas zu und deutet auf Kai. Daraufhin drehen sich die fünf Jungs zu ihm um. „Da habe ich dann gesehen, dass es gar nicht Hannes war, sondern irgendein Fremder“, erzählt Kai heute. Danach schweigt er und läuft los.

Es war nur ein einfaches Missverständnis

Nach kurzer Zeit hat er das Schulgebäude umrundet und steht jetzt auf dem Pausenhof. Dort blickt er sich um, als suche er nach etwas. Neben einem Ahornbaum bleibt er stehen, fängt mit ruhiger Stimme wieder an zu sprechen. „Ich habe mich bei dem Typen entschuldigt. Der hat nur gegrinst und ich dachte damit sei alles erledigt. Wie falsch ich doch lag.“

Kai deutet auf den Baum, öffnet die Lippen, aber die Worte bleiben aus. Mit geschlossenen Augen schüttelt er leicht den Kopf, als würde er sich selbst verbieten wollen, jetzt zu schweigen. Der Ort ist es, der Kai so zu schaffen macht. Hier begegnete er dem Jungen, den er mit Hannes verwechselt hat zum zweiten Mal.

Nur einen Tag nach dem ersten Aufeinandertreffen. Wieder steht der Junge in einer Gruppe mit fünf anderen zusammen und wieder wird er angestupst, als sein Freund auf Kai aufmerksam wird. Kai steht mit einigen anderen Fünftklässlern nur wenige Meter entfernt.

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Foto: Magdalena Ros

Ihr erster Angriff verändert Kais Leben

Es bedarf nur weniger Schritte der großen Schüler, um Kais kleine Gruppe zu umzingeln. Von allen Richtungen wird Kai gestoßen, sein Blick verschwimmt. Irgendwann kann er sich nicht mehr halten und stürzt auf den harten Pflasterstein.

„Wie hast Du mich also genannt?“, fragt der große Junge, während er sich höhnisch grinsend über Kai beugt. Ohne eine Antwort abzuwarten, zieht er Kai hoch und drückt ihn gegen einen Baum. Ein einziger Schlag in die Magengrube, dann wendet er sich ab. Seinen Standpunkt hat er zur Genüge deutlich gemacht: Er ist der starke, Kai hingegen ist klein und schwach.

„Damit hat alles begonnen“, erzählt Kai. Wieder starrt der heute 22-Jährige auf den Ahorn, an den er damals gedrückt wurde. Vom beliebten Schüler wird Kai zum Außenseiter. Seine Mitschüler grenzen ihn aus, verbreiten Gerüchte über ihn, und nicht selten wird er gegen eine Wand aus Schließfächern gedrückt.

Kai wird zum Außenseiter

Einen Grund brauchen seine Klassenkameraden dafür nicht, schließlich machen die Großen das ja auch. Kai lernt schnell, dass es keinen Sinn hat, sich zu wehren. Für jede erfolgreiche Flucht, jede Beschwerde bei einem Lehrer, setzt es nur noch häufiger Schläge.

Je schwerwiegender die Folgen für seine Peiniger sind, desto härter werden die Attacken auf Kai. Beschwerden über einen Einzelnen scheinen ihm ohnehin sinnlos, schließlich scheint sein geschlossener Jahrgang gegen ihn zu stehen, und die älteren Schüler sowieso.

Doch das schlimmste für ihn sind nicht die körperlichen Attacken. Die blauen Flecken vergehen schnell, und an die Schläge hat Kai sich schnell gewöhnt. Es sind die Worte, die ihm zu schaffen machen, und ihn schließlich bis an den Rand des Selbstmordes treiben.

Von seinen Mitschülern wird er nur „Das Ding“, „Arschloch“, „Wixxer“, oder „Penner“ genannt. Häufig tun sie so, als hätte er keinen echten Namen.

Kai will seinem Leben ein Ende setzen

Immer häufiger googelt Kai nach möglichst schmerzlosen Todesarten: Tabletten oder der Sprung von einem Haus sind seine beiden Favoriten.

Seinen Eltern will Kai keinen Vorwurf machen. Vor ihnen hat er immer den glücklichen Jungen gemimt, „um sie nicht zu verletzen“, sagt er. Die hätten mit ihm schon genug mitgemacht.

Auf die Frage, ob ihm von seinen Lehrern denn nicht geholfen wurde, fängt er an zu lachen. Laut aber freudlos. „Die haben doch alles nur noch schlimmer gemacht“, sagt er, „Wenn die anderen mich während des Unterrichts mit ihren Zirkeln gestochen haben, habe ich noch Hinweise und Verweise wegen Störung des Unterrichts bekommen“, erzählt er.

Er sieht keinen Ausweg mehr

Irgendwann ist es soweit, Kai entscheidet sich: Ein Sprung soll sein Leben als „Parasit“ beenden. Zwei Wochen lang begeht er verschiedene Orte und überlegt sich, welche Stelle die geeignetste ist.

„Während einer solchen Tour, habe ich meine erste Freundin kennengelernt. Sie hat alles geändert.“

Noch immer steht Kai auf dem Pausenhof. Langsam rinnen ihm Tränen über die Wangen, sein Blick ist ins Leere gerichtet: „Sie war die Einzige, die mir in dieser Zeit gezeigt hat, dass ich etwas wert bin.“ Mit ihrer Hilfe zieht sich Kai von Jahr zu Jahr, bis er schließlich sein Abitur in der Hand hält.

Zum Abitur erfährt er die größte Demütigung

Auf der Abschlussfeier trifft Kai wieder auf den Jungen, mit dem damals alles begann. Als Ehemaliger wird dieser vom Direktor auf der Bühne persönliche begrüßt. Kai erfährt, dass sein Peiniger aus der fünften Klasse damals bereits der Schulsprecher war. Für sein „außerordentliches Engagement gegen Rassismus und Mobbing“ wurde er mehrfach von der Schule ausgezeichnet.

Der Junge war, gemeinsam mit einigen von Kais Lehrern, treibende Kraft für die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“, einem Titel, für vorbildliche Schulen, hinsichtlich ihrem Umgang mit Mobbing und rassistischer Ausgrenzung.

„Die Menschen, die mir mit Stößen, Beleidigungen, Hinweisen und Verweisen das Leben zur Hölle gemacht haben, sind die Träger dieses Titels“, sagt Kai. Seine Stimme bleibt ruhig, er flüstert fast, doch seine Hände sind wieder zu Fäusten geballt. Mit festem Schritt umrundet er die Schule erneut, zurück zum vorderen Eingang.

Die Auszeichnung ist eine Lüge

Wieder bleibt er vor dem Metallschild mit der Aufschrift „Schule ohne Rassismus“ stehen. Nach einem Moment des Innehaltens wirft er den Kopf leicht zurück und spuckt mehrmals gegen das Schild.

„Der Titel mag schön aussehen und der Schule einen besonderen Glanz verleihen, aber er ist heuchlerisch, falsch und fault“, sagt Kai. Er wirft einen letzten zornigen Blick auf das Schild und wendet sich ab.

Die Verleihung von Titeln wie „Schule ohne Rassismus“ ist für ihn eine Vogel-Strauss-Methode. „Mobbing wird so nicht bekämpft, sondern ignoriert und bestärkt“, sagt er bestimmt und stapft durch den Schnee davon.

Kein Blick mehr zurück

Er lässt die Schule endgültig hinter sich. Ihn zwingt niemand mehr hierher zurückzukommen.

Doch es gibt Viele, die Tag für Tag an solchen Orten gepeinigt werden—und ihnen bleibt keine Wahl.


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