Rezension: „Steiners Geschichte“ von Constantin Göttfert

Rezension: „Steiners Geschichte“ von Constantin Göttfert

„Steiners Geschichte“ heißt der neue Roman von Constantin Göttfert, der 2014 bei C.H. Beck erschienen ist. Beinahe 500 Seiten musst du durchforsten auf der Suche nach dem Grundkonflikt der Geschichte. Nicht jede trägt dazu bei, ein Leuchten in das Wirrwarr zu bringen. Aber dieses Leuchten, das gibt es.

Martin ist in eine Frau namens Ina verliebt. Ina Steiner ist das Kind von Karpatendeutschen. Sie ist an der March, im Grenzgebiet der Slowakei aufgewachsen. Seitdem Ina schwanger ist, lässt sie Martin, den Vater ihres noch ungeborenen Kindes, über ihre gemeinsame Zukunft im Ungewissen. Sie will sich auf die Suche nach der Geschichte des kürzlich verstorbenen Großvaters „Steiner“ machen. Viele Fragen hat er in der Familiengeschichte offen gelassen, in einer Familie voller Vertriebenen und Heimatlosen.

Steiner, nach dem die Suche in diesem Buch also gehen soll, ist in Limbach aufgewachsen, einem Dorf in der Slowakei. Seine Geschichte ist es, die die junge Ina antreibt. Und auch Martin muss ihr folgen, um seine eigene Familie zu beschützen. Steiner ist der Drehpunkt in der Geschichte, der alle Charaktere antreibt.

„Aber natürlich war dieser Name viel mehr. Er war eine zerstörte Hoffnung, eine Sehnsucht, ein einziger Schmerz. Aber das begriff ich damals noch nicht so gut wie heute.“ Es ist mitunter tragisch, das das Spannendste an der Geschichte anfangs vorweggenommen wird, indem Göttfert es beschreibt. Überhaupt wird die altehrwürdige Regel Show, don’t tell, mehrmals im Buch gebrochen, was unüblich scheint für einen handwerkssicheren Absolventen des Leipziger Literaturinstituts. Bereits auf den ersten Seiten erfahren wir vieles, das der gemeine Leser auf seiner Reise vielleicht gerne selbst herausgefunden hätte.

Überhaupt lädt dieser Roman zu Reisen ein. Da geht es zum Beispiel für Martin darum, Ina Steiner zu finden. Die wiederum ist dann noch selbst auf der Suche nach den Antworten auf ihre Familienfragen. Ein plötzlich auftauchender Freund von Martin begleitet ihn dann auch noch in seinen Unternehmungen – obwohl der Leser sich längst danach sehnt, dass endlich Schluss ist mit aller Reiselustigkeit. Viel wird dem Leser in solchen Momenten abverlangt. Schließlich muss er zunächst verstehen, wer sich mal wieder wohin, und aus welchen Gründen aufgemacht hat – das Gefühl der Verlorenheit wird dem Leser so durch Eigenerfahrung näher gebracht.

Göttfert schafft es aber mit einer ebenso konsequenten Brillanz, Stimmung zu erzeugen. Er kann Landschaften beschreiben, etwas zu lang, aber er kann es: „Ein toter Fisch stieg zwischen den Eisplatten hoch. Ich nahm ihn in die Hand, er war kalt und steif. Ich warf ihn für die Krähen auf den anliegenden Acker.“ Großartiges kann nur von dieser Bildgewalt kommen, so denkt es sich der gebildete Leser. Viele Dinge bleiben dann leider doch nur an der Oberfläche, sind dann einfach nur „sehr, sehr schön“. Dabei sind eben jede Vorkommnisse längst zwischen den Zeilen lesbar. „Ich fühlte wie glücklich mich dieser Anblick machte.“ (S.36) „Ich kann nur sagen, dass ich in diesem Moment glücklich war.“ (S.43), tragen zu der sonst so präzisen Stimmungsbeschreibung nicht viel mehr bei, als das zehnte Bier an einem langen Saufabend.

Und dann also Steiner. Steiner ist sowieso das Beste, was dieser Geschichte passieren konnte. Jedes Mal, wenn der Leser geneigt ist das Buch wegzulegen, kommt Steiner um die Ecke, um das zu tun, was er bei der eigenen Familie versäumt hat: er rettet den Tag. Er ist ein Charakter epischen Ausmaßes. Alleine in den Beschreibungen wird das verdeutlicht: „ … große, schwere Finger mit breiten Nägeln, der Handballen so groß wie der Kuchenteller, den er jetzt zu sich herunterzog.“ Steiner spricht scharf, über die Dinge, die da um ihn herum passieren; er ist  ein Riesenarschloch, das muss ihm schon gelassen werden, und damit der interessanteste unter den Charakteren.

Während Protagonist Martin bisweilen larmoyant daherkam, – also wie ein Mann, der sich mehr im Nachdenken und Erinnern verzettelt, als sich zu bewegen – und Ina das verlorene Wesen mimt, ist Steiner eben jene Figur, die ein eigenes Buch hätte tragen können. Daher ist der Titel treffend gewählt: es geht darum, durch Steiners Geschichte mehr über die anderen zu erfahren. Er ist es, der die Antworten hinauszögert, so dass wir ihnen als Leser folgen müssen.

Natürlich geht es in dem Buch auch um ein Stück Geschichte, bisweilen auch um eine Abrechnung mit der Tendenz zur Xenophobie in Österreich. Klartext wird gesprochen von kurz auftretenden Nebencharakteren, von denen nicht ein einziger als zu dünn bezeichnet werden kann. Mit wenigen Mitteln zeichnet Göttfert sie präzise und gut. Sie scheinen auch immer an den richtigen Stellen aufzutauchen und tragen zur Gesamtstimmung bei. Das Problem der Geschichte bleibt: Es wird zu viel gegangen, gegessen, überlegt. Ständig will einer mehr über sich herausfinden und in Abgründe klettern, die vorher in aufwendigen Passagen beschrieben wurden. Nicht eine Szene darf bei Göttfert ohne Beschreibung auskommen. Die Szenen mit Martin und seinem Freund, der ihn auf eine weitere Reise begleitet, entlarven diese Tarnung fabulös:

„Und was hat das Ganze hier mit Ina zu tun?“, fragt Martin da seinen Freund.

„Nichts“, antwortet sein Freund.

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In dieser eindrücklichen Banalität – hier als Bonmot getarnt – beschreibt Göttfert das Dilemma seines Buches; teilweise ist es wirklich unsäglich, was der Leser bis zu den Wendungen ertragen muss. „Was hat das Ganze mit der Geschichte zu tun?“, war ich stetig versucht zu fragen.

Lichtblicke sind auch die Dialoge, die sich fortan auf sinnliche Geburtstagskarten schrieben ließen. Kriegshistorie kann auch ein Fallstrick für den jungen Autor sein. Göttfert aber kennt sich aus in seiner Materie. Ein Realismus, der dem reinen Plot vorgezogen wird, und beinahe so gut wie der von Dostojewski anmutet, zeigt, dass viel von diesem Einzelwerk zu halten sein könnte. Verschiedene Eindrücke und Fetzen aus Umgebungen, in denen sich seine Charaktere aufhalten, zeichnen Bilder im Kopf des Lesers, die so schnell nicht zu vergessen sind.

Das alles hat durchaus Ambitionen zu einem Roman epischer Güte, wenn Göttfert denn ein bindendes Glied zwischen all den Verirrungen und Wirrungen gefunden hätte; eines, das über 500 Seiten die schwierigen Passagen zu überbrücken weiß. Steiner wäre dafür groß genug. Aber Steiner ist ein Einzelgänger. Und damit bleibt Constantin Göttfert dem Titelgeber seines Romans treuer, als es ihm vermutlich lieb gewesen wäre.

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