Rezension: Digitale Paranoia von Jan Kalbitzer

Rezension: Digitale Paranoia von Jan Kalbitzer

Das Internet macht uns alle dümmer, fett und asozial – irgendwo im Hinterkopf erinnert man sich noch an die Weissagungen der ewigen Schwarzseher, die das Internet seit seiner Massentauglichkeit begleiteten. Nein zu solchen Pauschalisierungen, sagt der Psychiater Jan Kalbitzer in seinem kompakten, pragmatischen Ratgeber Digitale Paranoia. Darin verordnet er als Heilmittel einen auf Vernunft basierenden Umgang mit der digitalen Welt. Online bleiben, ohne den Verstand zu verlieren so der Untertitel. Ob das möglich ist? Hier unsere Rezension.

Alle haben wir schon mal auf das Häkchen bei den AGB einer Internet-Dienstleistung geklickt, ohne den Text wirklich gelesen zu haben. Frei nach dem Motto: „Klar, dem stimme ich zu – wird schon nichts Schlimmes drin stehen“. Ein Experiment der finnischen Sicherheitsfirma F-Secure machte 2014 die Probe aufs Exempel. Man stellte kostenfreie Wifi-Hotspots auf – alle, die sich einloggten und den AGB zustimmten, übereigneten ihr erstgeborenes Kind der Firma. Einige Aufmerksamkeit gab es damals für die Aktion, ein kurzes Nachdenken für viele über den oft sorglosen Umgang mit dem Internet in den Sozialen Medien.

Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité in Berlin, reichert sein kompaktes Ratgeber-Buch Digitale Paraonia (erschienen im September 2016 bei C.H.Beck) mit einigen solchen Anekdoten rund um das neue Leben im Digitalen an. Das Thema ist natürlich virulent, gerade aus Sicht des Psychiaters, der in seiner langjährigen Erfahrung häufiger mit paranoiden Ängsten in Verbindung mit dem Internet zu tun hat und Fallbeispiele in sein Buch einfließen lässt. Besonders das Beispiel des Gustav D. schafft dabei Identifikationspotenzial. Fasziniert von den technischen Möglichkeiten, bis hin zur Schlaf-App alles ausprobiert, kommt irgendwann der Zusammenbruch durch Überforderung, mündend in Depression und sozialem Rückzug.

So weit, zur Pathologie, zu einer ausgewachsenen Paranoia muss es natürlich nicht kommen. Oder ist unser oft freizügiger Umgang mit eigenen Daten und Daten Dritter im Netz nicht an sich schon pathologisch? Das Buch ist jedenfalls für alle geeignet, die offline gehen und ihren Umgang mit dem Internet überdenken wollen, eventuell auch schon einen gewissen Leidensdruck durch Kontrollverlust aufgebaut haben und nur ungern auf eine radikale Vermeidungsstrategie zurückgreifen wollen (Stecker ziehen). Lieber sanft das Potenzial für Veränderung ausloten wollen. Nach einem langen Tag im Internet, abends auf der Couch ist es zudem eine kurzweilige Lektüre zum Thema Digitalisierung, einem Leitthema unserer Zeit. Das Buch hilft, sich über Sorgen und Sorglosigkeiten bewusst zu werden, bei Leidensdruck Veränderungen im Verhalten zu induzieren.

Aufgebaut wie eine Untersuchung am Patienten – zuerst: der psychopathologische Befund –, reichert Kalbitzer sein Buch mit einigen Identifikationspotenzial bergenden Fallbeispielen aus der Praxis an. Aufgelockert wird’s durch Verhaltensexperimente, die jeder gerne selber probieren darf. Dazu kommen konkrete, häufig erfahrungserprobte Tipps etwa zur Trennung von privater und beruflicher Sphäre im Internet. Insgesamt wird hier einiges thematisiert, das beim unmittelbaren Handeln in der digitalen Welt gerne ins Unterbewusste abgleitet: Um Grenzen und Entgrenzung geht es da zum Beispiel, Kontrollverlust in der digitalen Welt durch den Wegfall von Schranken, die in der analogen Welt Ordnung schaffen. Oder um Daten und einen neuen laxen Umgang auch mit sensiblen Informationen Dritter. Um Impulskontrolle, die eine wichtige Technik sei, da die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung im Internet nur einen Klick entfernt ist.

Die digitale Gesellschaft betreffende Thematiken kommen nur am Rande zur Sprache. Man merkt, das interessiert den Autor nur beiläufig. Die Frage nach einer möglichen Verrohung der Sitten auch im Analogen wird aufgeworfen (aber nicht wirklich behandelt), weil im Internet alles lockerer und „auf Du“ ist. Kalbitzer empfiehlt dagegen, ohne aber jemals schulmeisterlich zu werden, Rituale einzuführen und rät dazu, Botschafter von „Kultur“ im Internet zu sein, auch wenn andere ihre Umgangsformen hier vernachlässigen. Neu sind die Themen nicht – der Autor bezieht sie aber gelungen auf aktuelle Zeitgeschehnisse, wie z.B. die Diskussionen um die Whistlebomber oder die Übertragung im Schutz der Anonymität des Internets leicht aufgeheizter Debatten auf analoge Bürgerproteste. Und gibt auch Erziehungstipps, damit Kinder den Umgang mit dem Internet gut erlernen.

Apokalyptisch wird’s dabei nicht. Das Internet ist nicht böse. Der Mensch müsse aber, so die Devise, einen geeigneten, vernünftigen Umgang mit diesem Medium finden. Dessen Attraktivität, so die Grundthese des Autors, rürhre vor allem daher, dass es die Urbedürfnisse des Menschen etwa nach unmittelbarer Nähe und Übersteigerung des eigenen Ich zu stillen suggeriert. Gelegentlich schweift der Autor auch in eine mögliche Zukunft der Menschheit im Digitalen ab. Man geht auch da gerne mit, wenn es um die neuen Möglichkeiten der 3D-Technologie geht – werden wir einst in dreidimensionalen Räumen im Internet navigieren, wo wir dem Anderen digital in 3-D begegnen können, fragt der Autor, ohne allerdings allzu aufdringlich mögliche Entwicklungen prophezeien zu wollen. Auch in diesen Passagen bleibt der Autor ganz der Facharzt, der sich mit Auswirkungen der Internets auf die menschliche Psyche und heutige und zukünftige Änderungen unserer Weltwahrnehmungen durch die technische Entwicklung befasst.

Zum Schluss wird’s sogar noch etwas existenzialphilosophisch mit Kierkegaard und Buddha. Man geht eher angeregt, denn wirklich mit Wissen angereichert aus der Lektüre des Buches heraus. Aber das ist auch das Ziel des Autors, der hier kein Fachpublikum adressierte und Fußnoten und Verweise auf acht Seiten beschränkt. Anregen zum Selberdenken, sich Aufklären über die Nutzung des WWW und im Bedarfsfall Handlungsalternativen erproben – darum geht es. Die Tipps im Buch helfen weiter und machen Mut, online zu bleiben ohne ungewollt abzutauchen in eine digitale Welt, aus der es dann kein Entrinnen mehr gibt.

Digitale Paranoia von Jan Kalbitzer ist 2016 im C.H.Beck Verlag erschienen. Wir danken dem Verlag für die Überlassung eines Rezensionsexemplars.


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