Rezension: Die Strudlhofstiege

Rezension: Die Strudlhofstiege

Ein Buch, bei dem man nicht wirklich weiß, was darin passiert, wer die handelnden Personen sind, ob es irgendeinen übergeordneten Handlungszusammenhang gibt, das darüber hinaus noch 900 eng bedruckte Seiten lang ist – und trotzdem oder gerade deswegen süchtig macht. Das ist Heimito von Doderers wienerisch dahingeplaudertes „Die Strudelhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre“. Mit abgründigem Humor und virtuoser Sprachgewalt erzählt das Romanepos von Liebeleien und Intrigen, von Verwicklungen und Verwechslungen und, immer wieder, vom Ende der Jungfernschaft.

Der Verlag C.H. Beck hat Heimito von Doderer gewissermaßen vorträglich zu dessen 50. Todestag im Dezember 2016 ein Denkmal neu gesetzt und sich selbst zum 250. Geburtstag mit der Jubiläumsausgabe ein Geschenk gemacht: die Neuauflage der Strudlhofstiege. Gestaltet ist das Layout des Buches fast genauso wie die Erstauflage des Jahres 1951 – verschnörkelte Schrift auf blauem Cover und in titanischer Größe die Autoreninitialien „HvD“ im Hintergrund. Hat man derart anschaulich im Sechsjahrzehnteschritt schon mal ein gutes halbes Jahrhundert überwunden, taucht man mit dem Öffnen des Buchdeckels, dort findet sich auf dem Vorsatz ein historischer Stadtplan Wiens, ganz ein in die Hauptstadt des alten Österreich der Zeit von 1911 bis 1925. In Wien nämlich steht die namensgebende Strudlhofstiege und in Wien findet das Gros der Romanhandlung statt.

Ein raffiniert sich selbst verfädelnd und entfädelndes Handlungsnetz
Aber welche Handlung eigentlich? Wenn ein Werk der Erzählkunst etwas taugen soll, so sagte Doderer selbst, dann ist man kaum in der Lage, durch Inhaltsangabe eine vernünftige Vorstellung davon zu liefern. Dass Melzer, wie es der Untertitel „Melzer und die Tiefe der Jahre“ vorab eigentlich nahelegt, Protagonist des Buches sein soll, meint man beim Lesen zunächst einmal kaum. Er taucht schließlich auch erst nach der sechzigsten Seite auf und prägt den Roman weniger als Hauptperson im eigentlichen Sinne als durch seine immer wiederkehrende unscheinbare Gestalt. Die ist nämlich derart blass, dass sie viel Gelegenheit lässt, die Geschehnisse um ihn herum zu erzählen. Melzer, der ohne Vornamen auskommen muss, ist zunächst k.u.k. Leutnant und Major, nach dem Weltkrieg Amtsrat in der staatlichen Tabakregie und wird durch das Buch so lange mitgenommen – er schlägt sich mit seiner eigenen angeborenen „Grund-Anständigkeit“ herum – bis der vormalige Berufsoffizier gegen Ende einen eigenen „Zivilverstand“ entwickelt und nach dem Rückzug vor jeder erotischen Bindung am Ende die attraktive Thea Rokitzer ehelicht. Durch die „Tiefe der Jahre“ erst wird Melzer Mensch, der das Leben lustvoll zu leben weiß.

Eingerahmt wird das Buch von der Mary K., die zu Beginn die Einladung des hartnäckig werbenden bulgarischen Arztes Negria ausschlägt. 14 Jahre später verliert sie ihre (durchaus sehr schönen und wohlproportionierten) Beine oberhalb der Knie durch die Straßenbahn. Melzer, der sie beinahe einmal geheiratet hätte, rettet ihr aber noch das Leben. Der Rest der Geschichte ist mindestens so minutiös verschnörkelt wie die Schrift auf dem Buchdeckel. Dort ist etwa eine „Dielettantin in Schlechtigkeiten“, die mannstolle Editha Pastré, geschiedene Schlinger (und bald werdende Wedderkopp), die in einem kleinkriminellen Tabakschmuggelkomplott scheitert, sowie ihre verschollen geglaubte Zwillingsschwester Mimi, die sich aus Edithas Manipulationen letztlich erfolgreich entstrickt. Dann wäre da noch der exzessive Rittmeister (kalauerhaft „Zerrüttmeister“ genannt aufgrund seines schädlichen Einflusses im Leben zahlreicher Wiener Frauen, ein Kavallerist ist eben nicht automatisch Kavalier), der zwar kaum ohne „Satteltrunk“, einem guten Schluck aus dem Flachmann auskommt, aber aufgrund seiner Gesellschafts- und Damenerfahrung alles durchschaut und die jungen Pferdchen gekonnt bändigt. Von ganz anderer Art sind die Schwestern Asta und Etelka, erstere schlau und hilfsbereit, zweitere getrieben von einem inneren Dämon, stürzt sich von einem erotischen Abenteuer ins nächste, bis sie den Freitod (mittels wochenlang aufgesparter Schlaftabletten und genau so lange anhaltender Insomnie) wählt.

Das Schwesternpaar hat außerdem einen Bruder, René von Stangeler, in dem Doderer ein kritisches Selbstportrait zeichnet – das grüblerisch-vergeistigt Philosophierende hält er nämlich für einen Holzweg – mit seinem zum Scheitern verurteilten Verhältnis zu Grete Siebenschein, die in den ersten paar dutzend Seiten bereits ihre Unschuld verliert. Das Romanepos stellt ein Gestrüpp von etwa zwanzig Hauptfiguren auf und ein Vielfaches an Nebenfiguren, die man sich kaum alle behalten kann (und man muss es auch gar nicht), zumal sie oftmals nur einen Nachnamen oder Initialen tragen. Wie man sieht, eine Handlung, die sich einfachhin nacherzählen ließe, gibt es eigentlich nicht. Die Konstellationen der Figuren kreuzen und überkreuzen, ver- und entfädeln sich. Taucht eine Person auf, verliert sie sich vielleicht gleich wieder und man findet sie erst hunderte Seiten später wieder. Der Doderer-Kenner Martin Mosebach verglich die Lektüre mit dem Besuch einer Party. Vieles geschieht darin, man begegnet manchem, aber später kann man sich an kaum etwas erinnern und im Rückblick ist viel aber eigentlich auch gar nichts passiert. Die Substanz der Doderischen Kunst liegt eben nicht im erzählerischen Inhalt.

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Frau

Eine Hommage an das habsburgische Wien
Die Strudlhofstiege, heimliche Protagonistin des Gesellschaftsromans im Stadtteil Liechtenthal des 9. Wiener Bezirks, ist das magnetische Kraftfeld, das die vielen Personen zusammenhält und immer wieder neu zusammenbringt. Hier wird Flair und Aura der alten Donaumonarchie lebendig, die damals noch bis hinab nach Belgrad reichte. Wiener Schmäh und Lebensgefühl, ein liebevoll kritisches Portrait der Gesellschaft gezeichnet in unfassbarer Skurrilität der Sprache. Politik und Zeitgeschehen bleiben bloß unscharfe Kulisse, anders als etwa in einem Roman Joseph Roths stehen die Figuren, ja Wien selbst außerhalb der Zeit. Wenig ändert sich am groß- bis kleinbürgerlichen Leben der Wiener, und ein skandalöser Kuss im Badezimmer wird intensiver geschildert als der gesamte Weltkrieg. Was die Strudlhofstiege im Roman ist, das ist der Roman für uns – ein Versinken, eine Zeitmaschine in das altösterreichische Wien, in Kaffeehauskultur und austriazistische Schnurrbärtigkeit. Der Autor lässt René Stangeler über sie sprechen: „Das ist eine ganz geheimnisvolle Stelle. Wie sich diese Stiegen hinabsenken, wie aus einer neuen Stadt und ihren Reizen in eine alte und ihren Reiz! Eine Brücke zwischen zwei Reichen. Es ist, als stiege man durch einen verborgenen Eingang in die schattige Unterwelt des Vergangenen.“

Aber die Strudlhofstiege ist auch Sinnbild des Riesenromans (der äußerst nützliche topographische Anhang Stefan Wintersteins hilft dabei dem Ortsunkundigen gewaltig bei der Orientierung nicht nur in Wien, wo Doderer zu Hause ist wie Thomas Mann in Lübeck, sondern auch im Buch) selbst mit seinen verschlungen mäandrierenden Wegen, wie sie der Major und Amtsrat Melzer selbst erlebt:
„Als eine Gliederung des jähen und also seiner Natur nach stumpfen und brüsken Terrain-Abfalles wuchs es empor oder kam sie eigentlich herab, dessen unausführliche und also beinahe nichtssagend-allzufertige Aussage nun in zahlreiche anmutige Wendungen zerlegend, an denen entlang der Blick nicht mehr kurz ab und herunter glitt, sondern langsam fiel wie ein schaukelndes und zögerndes Herbstblatt. Hier wurde mehr als wortbar, nämlich schaubar deutlich, daß jeder Weg und jeder Pfad (und auch im unsrigen Garten) mehr ist als Verbindung zweier Punkte, deren einen man verläßt, um den anderen zu erreichen, sondern eigenen Wesens, und auch mehr als seine Richtung, die ihn nur absteckt, ein Vorwand, der versinken kann noch bei währendem Gehen. […] Hier war empor zu schreiten, hier mußte man herunter gezogen kommen, nicht geschwind hinauf oder herab steigen über die Hühnerleiter formloser Zwecke. Die Stiegen lagen da für jedermann, für’s selbstgenuge Pack und Gesindel, aber ihr Bau war bestimmt, sich dem Schritt des Schicksals vorzubereiten, welcher nicht geharnischten Fußes immer gesetzt werden muß, sondern oft fast lautlos auf den leichtesten Sohlen tritt, und in Atlasschuhen, oder mit den Trippelschrittchen eines baren armen Herzens, das tickenden Schlags auf seinen Füßlein läuft, auf winzigen bloßen Herzfüßlein und in seiner Not: auch ihm geben die Stiegen, mit Prunk herabkaskadierend, das Geleit, und sie sind immer da, und sie ermüden nie uns zu sagen, das jeder Weg seine eigene Würde hat und auf jeden Fall immer mehr ist als das Ziel. Der Meister der Stiegen hat ein Stückchen unserer millionenfachen Wege in der Großstadt herausgegriffen und uns gezeigt, was in jedem Meter davon steckt an Dignität und Dekor. Und wenn die Rampen flach und schräg ausgreifen und querlaufen am Hange, den zweckhaften Kurzfall und all‘ unsere Hühnerleitern verneinend; wenn ein Gang hier zur Diktion wird auf diesen Bühnen übereinander, und der würde-verlustige Mensch nun geradezu gezwungen scheint, sein Herabkommen doch ausführlicher vorzutragen trotz aller Herabgekommenheit: so ist damit der tiefste Wille des Meisters der Stiegen erfüllt, nämlich Mitbürgern und Nachfahren die Köstlichkeit all‘ ihrer Wegstücke in allen ihren Tagen auseinanderzulegen und vorzutragen, und diese lange, ausführliche Phrase kadenziert durchzuführen ein Zwang für trippelnde Herzln und für trampelnde Stiefel – bis herab, auf die Plattform, wo sich um’s Gewäsch und Geträtsche des Brunnens die sommerliche Einsamkeit dick sammelt, oder bis ganz unten zur Vase und zur Maske, die in eine warme stille Gasse schaut und ebenso unbegreiflich ist wie ein Lebendiges, sei sie gleich aus Stein.“

Komisch, opulent, sublim – der Doderer-Stil
Der Meister der Stiegen, das ist er, der Architekt, der Dramaturg der Strudlhofstiege. Doderer komponiert sein Werk nach strenger Form, sie entstehen buchstäblich auf dem Reißbrett, wenn auch das Geschehnis als solches keine tiefere Rolle spielt, so doch das Begegnen, die Bewegung, das Hinauf und Hinab der Personen. Im ständigen Parlando wird das unendliche Umkreisen immer dichter und konkreter, gerade in den Natur- und Großstadtbeschreibungen unbeschreiblicher Schönheit – in „Die Strudlhofstiege“ ist immer Sommer. Der Erzähler mischt sich manches mal selbst ein, nimmt sogar den Leser mit in einem unbestimmten „Wir“ und bricht in leiser Ironie althergebrachte Romanstrukturen: „In einem besseren Roman wären jetzt die Gedanken des einsamen Reisenden während seiner Fahrt nach Wien zu erzählen und notfalls aus der betreffenden Figur herauszubeuteln und hervorzuhaspeln. Bei Melzer ist das wirklich unmöglich; von Gedanken keine Spur; weder jetzt, noch später, nicht einmal als Major. Zum ersten Mal hat er sich unseres Wissens was gedacht bei einem schon sehr vorgeschrittenen und ernsten Anlasse seines Lebens, den wir noch kennenlernen werden: und dabei hat er’s gründlich besorgt; er hat sein Pulver nicht vorzeitig verschossen in kleinen Beweglichkeiten und Geistreicheleien.“

Das schöpferische Prinzip des Augenblicks
Der Autor allein weiß, wohin die Reise geht, und die Stiege wird zur überpersonale Protokollantin des Geschehens. Laut Doderer bedarf es eines langen Hebels und großer Kräfte, um einen einfachen Mann, in diesem Fall eben vielleicht den benannten Melzer, durch sein Schicksal zu bewegen, bis derselbe sich selbst bewegen kann. Eigentlicher Kern und Gehalt der Strudlhofstiege ist die Unmittelbarkeit, die „Substanzlosigkeit der Geschichte“, wie Daniel Kehlmann es in einem cleveren Nachwort im Anhang des Buches beim Namen nennt. Hier wird das Objektive und Historische mit dem Intimen und Persönlichen ins subjektive Erleben geworfen, wo im Hier und Jetzt alles seinen Sinn erhält. Es ist nach der Formulierung des österreichischen Prousts die „Anatomie des Augenblicks“, in einem einzigen Moment ist die ganze Lebensgeschichte eines Individuums eingetragen. Aufgabe des Literaten ist es dann, die Geschichte zu entschichten, sie auszufächern und auszufabeln.
Und darin steckt auch die implizite Botschaft für uns und die hektische Schnelllebigkeit unserer Zeit. Für Doderer ist die Leere kostbar, die hinter allem Lärmen und aller Geschäftigkeit steckt. Sich zu „entschleunigen“, wie man heute sagen würde, will dabei gelernt sein, sei es durch Naturbetrachtung oder das Lesen eines Doderer-Romans. Überwunden werden will die Illusion der Zeitlichkeit, zum Augenblick, zum Stillstand, zum Jetzt soll man kommen.
Ich jedenfalls bin dem Autor dankbar, denn hinfortgerissen vom ironisch-trivialen Strudel seiner Eloquenz fand ich ein Stück der vergänglichen Schönheit im immerwährenden Moment. Nehme wir uns doch alle eine Portion Zeitlosigkeit und Moment heraus, um sie zu finden – die Schönheit der Leere.

Foto der Strudlhofstiege von Andreas Praefcke.


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