Radau gegen HIV

Radau gegen HIV

11.10.2014, Lükaz, Lünen, Deutschland

Line-Up: Red Apollo, Sum of R, Oathbreaker, Amenra

Radau gegen HIV, so der Name der Veranstaltung im Lükaz in Lünen, die an einem regnerischen Samstagabend ein starkes und weitaus homogenes Line-Up zu bieten hatte. Von Radau war jedoch nichts zu spüren. Vielmehr herrschte eine freundliche und entspannte Grundstimmung, die das Wohltätigkeitsanliegen des Events nochmals unterstrich – der Erlös ging nämlich an die AIDS-Hilfe Unna e.V.

Im Foyer angekommen gab es Getränke zu fairen Preisen, und einen Film in Dauerschleife zu sehen, der meinem Dünken nach den Albtraum einer Frau zeigte. Ein verstörendes Stück Filmkunst, das sich den Konzepten der auftretenden Bands aber nahtlos hinzufügte, und zudem das ein oder andere Gespräch inspirierte. Zwischen Foyer und Konzerthalle fand man zu beiden Seiten Merchandise-Stände, wo die Bands persönlich ihre Platten und Shirts vertrieben. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass Musikern der Kontakt zu den Fans wichtig ist, sie als Personen, und nicht nur als Euro-Mittelsmann, wahrnehmen. Es wurden Hände geschüttelt, einige Sätze getauscht, gelächelt, und sich im Anschluss beiderseitig bedankt – ein Verhältnis von ehrlichem Respekt.

Ein großes Lob geht an die Leute, die für den Sound zuständig waren. Er war klar und druckvoll, wobei noch jede der vier Bands ihren eigenen Charakter durchbringen konnte. Im nach hinein gab es anscheinend Beschwerden aufgrund einer dreißigminütigen Einlassverzögerung durch Probleme im Soundcheck, aber mal Hand aufs Herz, sowas kann passieren, und wenn der Sound dann wirklich so gut ist, wie an diesem Abend, dann hatte sich das Warten für jeden gelohnt.

RedApollo1

Den Beginn machten Red Apollo aus Dortmund, einem Quartett, das sich durch wuchtige Sludge-Riffs auszeichnet, die gelegentlich mit ruhig getragenen Melodie-Passagen kontrastiert werden. Untermalt werden die Instrumente von Sänger Christoph, dessen Stimme rau und tief ist gebrüllt ist, und damit den nötigen Effekt hervorbringt, um die ohnehin schon düsteren und schweren Songs noch gewaltiger erscheinen zu lassen. Die Symbiose aus Instrumental und Vocals geht dann in Richtung Cult of Luna (z.B. The Beyond), ohne Red Apollo jetzt zu viel Last auf die Schultern legen zu wollen.

Live wussten die Jungs aus Dortmund definitiv zu überzeugen. Vor allem die epischeren langsam getragenen Passagen, sowie die massiven Riffs gaben dem Abend eine gebührende Eröffnung. Man sah und hörte, dass Red Apollo nicht zufällig der Support für Bands wie Oathbreaker und Amenra sind. Ebenso nicht aus Zufall werde ich bei Gelegenheit wieder im Publikum stehen.

Redapollo2

Sum of R ist ein Duo aus der Schweiz, die sich dem Doom und Drone verschrieben hat. Gesungen/geschrien wird hier nicht, dafür werden atmosphärische Klanggebäude entworfen, die mehr Skalpell als Buttermesser sind. Besonders interessant war das Zusammenspiel zwischen Bassistin Isabelle Ryser und Drummer / Bassist Reto Mäder, da letzterer zwischen beiden Instrumenten hin und her sprang, was einerseits dem Gefüge Spannung verlieh, andererseits die Musik aber auch etwas vorhersehbar machte, indem man antizipieren konnte, was als nächstes geschah. Nichtsdestotrotz waren die bassgetriebenen Abläufe und hypnotischen Drone-Passagen zunehmend ansprechend. Sum of R wissen eine Spannung zu erzeugen, die sogar Tiefenentspannen lässt. Atmosphärisch geladen lud die Musik dazu ein die Augen zu schließen, und sich durch die langen und dichten Strukturen führen zu lassen. Insgesamt ein starker Auftritt, der gezeigt hat, dass weniger auch manchmal mehr sein kann.

 SumofR1

Oathbreaker aus Gent, Belgien, sind nicht als weiterer Support des Abends anzusehen. Vielmehr ist die Band des Labels Deathwish Inc., Jacob Bannons (Converge) Götterhimmel, ebenso als Headliner zu betrachten wie ihre Freunde von Amenra. So sind Oathbreaker mit ihrem Stil aus schneidenden Riffs und scharfem Geschrei der Frontfrau regelmäßig auf Übersee-Tour, was doch eher seltener für eine Band aus dem kleinen Belgien ist. Ihr aktuelles Album Eros / Anteros ist fulminant, böse, und in seinen ruhigsten Momenten wirkt es ebenso gefährlich wie in seinen wütendsten. Dergestalt entfaltete sich auch das Konzert: Oathbreaker spielten mit einer brutalen Genauigkeit, die nur wenig Raum zum Atmen ließ. Man kann ihre Platte wohl täglich rotieren lassen, und wird trotzdem erschüttert und versteinert dastehen, wenn die Band einem ihre volle Bandbreite live in die Synapsen treibt. Visuell wurde die musikalische Performance in dichten Nebel gehüllt, so dass man auch physisch ganz und gar vereinnahmt wurde. Sängerin Caro, barfuß im langen weißen Kleid und die Haare das Gesicht verdeckend, wirkte gleichzeitig gespenstisch wie zerbrechlich. Aus all den Elementen ergab sich ein intensiver und außerordentlich starker Auftritt einer sehr guten Band.

 Oathbreaker1

Amenra, ebenso wie Oathbreaker aus Gent und Mitglied der Künstlergemeinde Church of Ra, brachten den ohnehin schon gelungenen Abend zum Höhepunkt. Auf der einen Seiten spielt Amenra eine Mischung aus Sludge, Doom, und Ambient – scheint zunächst nicht außergewöhnlich – doch was die fünf Herren auf der Bühne zelebrieren ist tatsächlich ein Ereignis, das man in der Art wohl kaum wiederfindet.

Amenra3

Die Band wie die Bühne ist in schwarz gehüllt, und wird nur durch einen Projektorfilm beleuchtet, der brechende Wellen, spuckende Vulkane, und auch ruhige Meer-und Waldszenen beinhaltet. Die Musik wird durch das visuelle unterstützt, da beides aufeinander abgestimmt ist. Dazu gibt es wieder viel Nebel und Weihrauch. Letzteres haucht dem Konzert etwas Religiöses und fast schon Okkultes ein. Doch so sind die Auftritte von Amenra konzipiert. Was auf der Bühne geschieht ist kein Spaß, kein Gimmick, es ist Todernst, und das spiegelt sich in den Gesichtern wie in der Emotionalität der Bandmitglieder wieder. Wer hier lächelt oder gar lacht, der hat etwas nicht verstanden.

Amenra1

Wooo-Rufe aus dem Publikum wurden mit nahezu herablassenden Blicken des Bassisten begegnet, wobei Sänger Colin wie immer mit dem Rücken zum Publikum stand (ausgenommen dem standardisierten Umdrehen bei Razoreater). Das Set erstreckte sich von Songs wie „This Pain is Shapeless“, über „Razoreater“, hin zu den neueren Stücken des aktuellen Album Mass V. Wiedermal ist der Sound hervorragend, hervorgehoben durch eine sehr tighte Band, und die Inszenierung der Show als Ritual war beeindruckend. Das Einzige, was zu bemängeln wäre, ist, das Amenra mehr oder weniger immer den gleichen Set-Ablauf abspulen (bezogen auf die Auftritte, bei denen ich war), was eventuell mit der Abstimmung zum Projektorfilm zu tun haben könnte. Jede Kritik ist jedoch schwach hinsichtlich der Konzert-Erfahrung, die Amenra bereitstellt, und eben das ist es auch, was die Band so besonders macht – man hört und sieht nicht nur, man erfährt Amenra.

Alle Fotos von Anh Tuan Pham


Schreib uns deine Meinung:

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading...

Das könnte dich auch interessieren:


Schreib uns deine Meinung: