Shipwrecks: Party-Songs gehen einfach nicht, wenn der Tag scheiße ist

Shipwrecks: Party-Songs gehen einfach nicht, wenn der Tag scheiße ist

Es gibt Zeiten im Leben, da sind mir 60GB auf dem IPod noch zu wenig. Unlust herrscht auf jede Band und jeden Song, egal ob diese seit einer Dekade das Leben begleitet oder noch nie das Trommelfell hat zittern lassen. Ich kaute ungestillt auf dem Schnuller meiner Datendekadenz und scrollte gedankenfrei durch meinen Musikkatalog, als das Telefon klingelte. Kurze Zeit darauf war ich auf dem Weg zu einem Konzert, das irgendwo jenseits der dunklen Autobahn stattfinden sollte.

Begeisterung kennt viele Worte, weshalb ich an dieser Stelle keines davon erwähnen werde, denn eine Anreihung von Silben sagt manchmal weniger aus als sie soll. Ich hatte nicht viel erwartet, und wurde vielleicht deshalb umso reicher belohnt, als die Band Shipwrecks mir meine musische Trostlosigkeit aus dem Leib spielte. Ich war dankbar und bat deshalb die Band zum Interview. Sie sagten zu.
Einige Wochen darauf traf ich mich in Köln Deutz mit Schlagzeuger David, von wo aus wir zusammen zu ihrem Proberaum fuhren, und ich mich mit der Band unter anderem darüber unterhielt, wie man im künstlerischen Prozess ein Ende findet, und ob Melancholie oder Glücksgefühle den besseren Zugang zur Musik machen.

wyme: Das Feedback auf eure EP war sehr positiv, wurde allgemein in hohen Tönen gelobt und Referenzen, wie die jungen This Will Destroy You, herangezogen. Was haltet ihr von dem Vergleich?
Shipwrecks: Natürlich ehrt der Vergleich und man kann Parallelen erkennen, jedoch wirklich nur zu ihren frühen Sachen. Die neueren Scheiben von TWDY gehen ja sehr in die Richtung von Ambient und Drone.

Gegenüber Ambient und Drone – Wie steht es für euch mit dem Genre-Begriff Post-Rock?
Wir spielen selbstverständlich unter dem Aufhänger des Post-Rock und trafen uns auch mit der Idee Post-Rock zu machen, doch sind die Einflüsse enorm vielfältig. Zum einen hören wir kaum Post-Rock, zum anderen begannen wir wieder welchen aufgrund der Band zu hören. Es ist wirklich sehr verschieden. In erster Linie sehen wir uns als Instrumental-Musik-Band und augenscheinlich ist eben das dabei herausgekommen, was als Post-Rock beschrieben wird. Dieses Schubladen-Stecken ist ja aber auch ein alter Hut und wurde schon viel diskutiert. Letztlich hilft es einfach nur der Orientierung in der Musiklandschaft, und wenn Leute hören, dass man in einer Band spielt, dann ist es am einfachsten ein Genre zu nennen, um die Frage „Was für Musik macht ihr?“ zu beantworten. Unseren Großmüttern erzählen wir dann aber doch lieber, dass wir melancholische Instrumentalmusik machen. Es verbindet uns mit Post-Rock wohl auch dieser Hang zur Theatralik, Melancholie und Schmalzigkeit (lachen). Für viele ist melancholische Gitarrenmusik auch gleichbedeutend mit Post-Rock.

So melancholisch finde ich eure Stücke nun nicht…
Naja, wir eigentlich schon, doch klingt auch viel Hoffnung durch. Das ist das Schöne an instrumentaler Musik – jeder hört etwas anderes heraus. Es ist nicht zu sagen: dieser Song ist nun ein Liebeslied, dieser Song handelt von XY und ist deswegen ein XY Song. Es sind einfach Songs und jeder empfindet dabei anders. Das Ende von El Rumpelstilzo empfinden wir z.B. als extrem düster, wobei unsere Freundinnen es überhaupt nicht düster finden. Die gegenwärtige Stimmung trägt auch viel zur Interpretation des Songs bei.
Nichtsdestotrotz sind wir der Meinung, dass unsere Songs eine gewisse Grundstimmung haben. Es ist in erster Linie ja z.B. keine Party-Musik. Auf etwas bewusst gebürstete Musik kann sehr anstrengend sein und straighte Party-Songs gehen einfach nicht, wenn der Tag scheiße ist.
Das Hören von melancholischer Musik ist auch irgendwie tiefer und persönlicher. Man legt die Platte auf und setzt sich sozusagen mit ihr hin.

shipwrecksepschuber

Wie beeinflusst das euer Songwriting?
Wir arbeiten weniger mit einem großen Konzept, als mit Momenten und Sound-Ideen, dem was passt und wir cool finden. Vieles passiert im Prozess.
Wir recorden unsere Proben, wobei viele Sounds und Melodien entstehen, die uns zwar gefallen, doch ist das Filtern dann der schwierige Teil. Im Grunde könnte jede Probe an Laufzeit drei Alben füllen. Es liegt uns aber Nahe, die Songs strukturierter und knackiger zu halten, als mit nur einem Grundton und drei weiteren Tönen minutenlange Ambient-Songs zu schreiben. Die Basis der Songs entsteht also bei Jams, doch wird dann sehr viel an der Struktur und der Dramaturgie der Melodien herumgeschraubt, damit die Songs auch fließen und eine Linie zu erkennen ist. Zudem muss auch viel gekürzt werden und hier und da ein neuer Part eingebaut werden. Im Grunde könnte ein Song auch nie fertig werden, wenn ewig daran gebastelt wird, doch wird dieser dann selbstverständlich nie live gespielt werden können. Irgendwann muss einfach ein Ende gesetzt werden. Wir sind also einerseits penibel, andererseits versuchen wir nicht zu verkopft zu sein.

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Das Artwork und die Entstehung der EP habt ihr vollkommen selbst übernommen. Wie seid ihr vorgegangen?
David (Drummer – Shipwrecks) ist bei uns der Künstler. Wir haben normale Naturpappschuber benutzt, und diese befeuchtet. David ging etwas rabiater vor und hat sie kurzerhand mit einem Gartenschlauch nass gemacht. Dann haben wir ein ganzes Arsenal an Farben und Farbkristallen benutzt, wobei diese sich im Wasser auflösen und abgefahrene Muster ergeben. Insgesamt entstanden dabei 250 selbstgemachte CD-Hüllen. War zwar viel Arbeit, hat aber auch Spaß gemacht, und letztlich ist jede Hülle ein Unikat.
Aufgenommen haben wir die EP selber bei Basti (Gitarrist – Shipwrecks) im Studio, der die Songs dann auch gemischt hat. Anschließend wurde das Mastering von Magnus Lindberg (Cult of Luna) übernommen, womit wir mehr als zufrieden sind.

Wie sieht die Zukunft für Shipwrecks aus?
Die EP ist für uns abgehakt und wir haben begonnen Songs für ein Album zu schreiben. Wir wollen uns damit aber Zeit lassen und uns damit nicht stressen. Fest steht das Album auf Vinyl rauszubringen.

Shipwrecks auf Bandcamp

Shipwrecks sind ab 2.10.2015 auf Tour.


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