Michael Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann

Michael Sandel: Was man für Geld nicht kaufen kann

Der Philosoph Michael Sandel beschäftigt sich intensiv mit der Möglichkeit, den öffentlichen Diskurs dahin zu lenken, wo es weh tut. Seine zentralen Fragen sind, Was ist Gerechtgkeit, Was sind die Grenzen des Marktes, aber auch Kontemplation über das Heilige und die Freundschaft. Letztere, zeigt Sandel in unserem Gespräch auf, haben gar nahezu gar keinen Platz mehr im öffentlichen Diskurs. Doch sollten wir genau dazu wir zurückkehren. Die pluralistische Gesellschaftstheorie und -Praxis hat dies, behauptet Sandel, größtenteils vermieden, und es damit dem Markt ermöglicht, sich immer weiter in sämtliche Sphären der Lebenswelt auszubreiten.

wyme: Was verstehen Sie unter den Begriffen Kommerzialisierung und Vermarktung (marketization)? Warum sollten wir darüber nachdenken?
Michael Sandel:
In den letzten Jahrzehnten sind wir immer stärker in die Abhängigkeit der Märkte geraten, wir glauben gar an die Macht der Märkte. Man meint, Märkte seien das primäre Instrument, mit dem wir das öffentliche Gut erreichen. Diese Annahme ist in den letzten 30 Jahren so gut wie gar nicht angezweifelt worden. Eine direkte Konsequenz daraus, ist, dass wir uns von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft entwickelt haben.

Worin genau besteht der Unterschied?
Der Unterschied zwischen einer Marktwirtschaft und einer Marktgesellschaft ist, dass erstere ein effektives Instrument für Produktion ist. Letztere hingegen bezeichnet einen Ort oder ein Gemeinwesen, in dem alles zum Verkauf steht. Es ist eine Art zu leben, in der Geld und Marktwerte langsam immer mehr Aspekte des öffentlichen Lebens bestimmen. Von der Familie bis zu Partnerschaften, über Gesundheit, Erziehung, Zivilleben und der Politik. In meinem Buch, Was man für Geld nicht kaufen kann, behaupte ich nun, dass wir einen großen Schritt zurück machen müssen! Wir müssen endlich wieder die großen und wichtigen Fragen des Lebens stellen und uns fragen, wo der Platz der Märkte in einer guten Gesellschaft wirklich ist.

Wie meinen Sie könnte sich die Wahrnehmung zukünftiger Generationen vor diesem Hintergrun ändern, wenn sich die Welt zunehmend dem Markt unterwirft?
Eine sehr enrste Gefahr, die ich für jüngere Menschen sehe, welche in einer zunehmend vom Markt beherrschten Gesellschaft aufwachsen, ist, dass unsere Identität als Konsumenten unsere Identität als Bürger verdrängt. Wenn wir uns selbst vorrangig als Konsumenten verstehen, dann wird es zunehmend schwierig, gemeinsam an sich wertvolle Ziele zu formulieren. Eine Gesellschaft, die vom Markt dominiert wird lässt uns dem Irrglauben verfallen, Freiheit bestehe darin, Güter zu kaufen und zu verkaufen. Dieser Diskurs ersetzt dann eine zwar anstrengendere, aber größere Idee von Freiheit.

In diese Kerbe schlägt auch Ihre anhaltende Kritik des Utilitarismus.
Der Utilitarismus basiert auf der fehlerhaften und einfältigen Annahme, dass das Leben auf eine einförmige Währung or Wertangabe reduziert werden könne, typischerweise Geld. Viele Ökonomen heutzutage behaupten, dass Ökonomie eine wertneutrale Wissenschaft sei, die das gesamte menschliche Verhalten erklären könne. Diese imperialistische Ambition der Ökonomie spiegelt die utilitaristische Idee wieder, dass alle Werte auf die Nützlichkeit oder eben Geld reduziert werden kann. Die Gefahr ist nun, dass diese Art zu denken, den moralischen Diskurs verflacht und gleichzeitig völlig unfähig ist, das moralische und zivilie Gut zu berücksichtigen, das schlicht nicht in Geldwerten berechnet werden kann.

Geben Sie uns ein Beispiel.
Nehmen wir Freundschaft. Die meisten Menschen würden zustimmen, dass es nichts helfen würde, sich Freunde zu kaufen. Warum nicht? Wir alle wissen, dass ein gekaufter Freund nicht das gleiche ist wie ein richtiger Freund. Das Geld, das uns den Freund kauft, würde das Gut zerstören, das wir suchen, wenn wir einen wahren Freund suchen. Geld und Märkte haben diese Tendenz, Güter, die eigentlich nichts am Markt verloren haben, aufzulösen. Wir müssen anfangen ehrlich darüber zu reden und uns Sorgen machen, weil die Macht der Märkte weiter um sich greift und zunehmend nicht-vermarktetes Gut sich einverleibt. Es gibt Sphären der Lebenswelt, die nicht dem Diktum des Marktes gehorchen sollten, da der Markt die inhärenten Werte und Werthaftigkeit dieser aushölt.

Das Lehrbuch Principles of Economics, ein Standardwerk der Mikroökonomie, verfasst u.a. von Ben Bernanke, enthält ein erschreckendes Beispiel dazu. Ein Pianist und ein Dichter leben gemeinsam im gleichen Mietshaus. Wenn der Pianist spielt, kann der Dichter nicht schreiben, also zahlt der Dichter dem Pianist dessen Reservationspreis, nicht zu spielen. Der Dichter stehe danach noch genauso gut da, da seine Opportunitätskosten, nicht zu schreiben, höher seien, als die des Pianisten. Nun dürfen wir nicht vergessen, dass dieses Buch millionenfach auf der ganzen Welt von heranwachsenden Managern und Ökonomen gelesen wird. Warum können die Autoren nicht sehen, dass ein solches Beispiel für wahre Künstler völlig undenkbar ist? Dass ein Pianist aus Leidenschaft spielt und nicht für die Steigerung einer Fantasieeinheit wie der Nützlichkeit?
Das ist ein sehr gutes Beispiel! Es ist schon äußerst seltsam anzunehmen, dass die Freude, die einem das Klavierspielen bereitet, irgendwie mit Geld ersetzt werden könnte. Das Beispiel zeigt auch eindringlich, auf welch verknappter Annahme über das Leben der Utilitarismus beruht. Wenn man tatsächlich meint, diese innige Freude am Spiel könne auf Geld oder Nützlichkeit reduziert werden, dann, und nur dann, funktioniert dieses Beispiel. Aber dies ist eine enge und armselige Sicht auf das Leben und die Freude der Musik und der Kunst. Das Beispiel zeigt also perfekt die Torheit des Utilitarismus und die schiere Unmöglichkeit der utilitaristischen Weise zu denken.
Zudem werden hier ganz andere Möglichkeiten des Zusammenlebens übersehen. Man könnte darüber auch so nachdenken: der Klavierpsieler und der Dichter könnten sich einigen, sodass der Dichter nun in seiner Posie inspiriert wird, von der Musik des Pianisten. Eine solche Einigung ist eben genau nicht marktkonform.

Eine weitere Tendenz der Ökonomie ist es, allumfassende Wissenschaft zu werden. Robert H. Frank etwa hat das Buch Economic Naturalist verfasst. Darin versucht er die Strukturen der Natur als ontologisch ökonomisch auszulegen. Die Annahme, die er mit vielen Ökonomen teilt, ist, dass der Markt eine Naturgewalt ist, der man erlauben muss, sich frei zu entfalten, damit das Ergebnis nicht verzerrt wird.
Diese Annahme ist grundfalsch. Märkte sind keine Naturgewalten, sondern soziale Einrichtungen. Jedoch ist dieser Glaube weit verbreitet und leider sehr einflussreich. Märkte sind keine Zwecke an sich, sondern Mittel.

Aber könnte man nicht behaupten, dass die Vermarktung sämtlicher Beziehungen und Güter im Kapitalismus bereits strukturell angelegt ist?
Ich finde es falsch, Märkte und Kapitalismus als Kräfte jenseits unserer Kontrolle zu betrachten. Wir können und wir sollten der Tendenz widerstehen, die Märkte in alle Bereiche des Lebens vordringen zu lassen. Eines meiner Ziele in meinem Buch, Was man für Geld nicht kaufen kann, ist es, uns zu erinnern, dass Märkte uns dienen sollten und nicht andersherum. Deswegen ist es so wichtig, eine öffentliche Debatte darüber zu führen, inwiefern Märkte dem öffentlichen Gut helfen und wohin sie wirklich nicht gehören.

Nun sieht man aber zunehmend, in sämtlichen westlichen Kulturen, sprachliche Konventionen, die auf einen Übergriff der Märkte hinweisen. Man spricht etwa, wie selbstverständlich, vom Beziehungsmarkt.
Ja und genau darin zeigt sich die Gefahr, Freundschaft und Liebe als Konsumgüter zu verstehen. Wir müssen uns hier eine Distanz bewahren und wieder über Freundschaft und Liebe nachdenken anstatt uns Metaphern des Marktes hinzugeben. Man nehme das Beispiel des Schenkens. Für Mainstream-Ökonomen ist es nahezu immer irrational zu schenken. Warum? Weil für den Utilitaristen das Ziel des Schenkens nur sein kann, die Nützlichkeit des Beschenkten zu erhöhen. In diesem Fall ist aber Geld immer das beste Geschenk. Manche Ökonomen in Amerika haben sogar den “Deadweight loss of Christmas” berechnet.

Geld kann beim Schenken aber eine entfremdende Wirkung haben.
Exakt. Wie fühlt sich der Freund, das Kind oder der Partner, wenn man anstatt sich die Mühe zu machen, etwas aus Liebe zu schenken, einfach Geld gibt? Das schafft eine kühle Distanz. Für den Ökonomen hingegen ist es immer besser, Geld zu schenken, da der Andere jeweils nur Konsument ist und so seine Nützlichkeit gemäß seinen Präferenzen erhöhen kann. Dieses utilitaristische Verständnis von Freundschaft ist widerum reduktiv. Es übersieht komplett die expressive Dimension des Schenkens, das die Intimität einer Freundschaft oder Beziehung beinhaltet. Es übersieht den Anderen als Anderen in seiner Eigenheit. Der Fokus auf ökonomische Effizienz beim Schenken verpasst es grandios, die wahre Bedeutung von Liebe und Freundschaft aufzudecken.

Plakativ formuliert fehlt Ökonomen ein Verständnis für die Unverletzlichkeit, oder sogar die Heiligkeit, der Freundschaft und des Schenkens.
Das liegt aber daran, dass für den Ökonomen nichts heilig ist. Schlicht darum, weil das Heilige keinen Preis haben kann. Die ökonomische Sicht muss annehmen, dass alles einen Preis hat.

In Was man für Geld nicht kaufen kann argumentieren Sie auch, dass wir uns wieder mehr auf das Spirituelle im öffentlichen Diskurs fokussieren müssen. Wie hat der Markt dies verdrängt?
Wir müssen zunächst einmal damit beginnen, die Grenzen des Geldes und des Marktes klar herauszustellen. Wir müssen überhaupt über die Notwendigkeit von Grenzen reden. Erst dann können wir wieder über das zivile aber auch spirituelle Engagement des Menschen reden, dass der Markt völlig übersieht. Die Vorstellung des Marktes ist ja so verlockend, da er uns erlaubt, über diese wichten aber schwierigen Themen hinwegzusehen und einfach Nachfrage und Angebot entscheiden zu lassen. Marktbeziehungen scheinen es uns zu erlauben,  fundamentale Fragen der Ethik und der Moral, schlicht zu übergehen oder gar outzusourcen.

Inwiefern ist das problematisch?
Der Markt ist nicht moralisch neutral. Das Kaufen und Verkaufen von Gütern kann deren Bedeutung ändern. Nehmen wir das folgende Beispiel: Jedes Jahr gehen in Israel Schüler an einem nationalen Spendentag von Tür zu Tür ung sammeln verschiedene Spenden. In einem Jahr hat ein Ökonom an diesem Tag ein Experiment durchgeführt. Er teilte Schüler in drei Gruppen auf. Die erste Gruppe hörte einen Vortrag über die Wichtigkeit des Spendens und des selbstlosen Gebens. Die zweite Gruppe hörte den gleichen Vortrag, erhielt aber zusätzlich das Versprechen 1% der eingenommenen Spenden als Kommission in Geldwert ausbezahlt zu bekommen. Die dritte Gruppe sollte 10% erhalten.
Das Ergebnis war nun, dass die erste Gruppe am meisten Spenden sammelte. Dies zeigt uns, dass ein Preisschild die Beziehung zur Aktivität ändert, auf eine Art, die jenseits irgendwelcher Berechnungen liegt. Es ist wichtig, wie man seine Arbeit oder seine Aufgabe sieht. Ganz offensichtlich liegt es Menschen am Herzen, anderen zu helfen, ganz ohne Eigennutz. Die Regeln des Marktes nehmen den Menschen die Möglichkeit, anderen selbstlos zu helfen, da sich das Denken über das Helfen verändert.

Wie können die Menschen darauf aufmerksam gemacht, wo die Vorstellung des Marktes keinen Platz hat?
Wir müssen zunächst die Lehrbücher umschreiben. In Ihrem Beispiel vom Pianisten und Dichter, sollte das Lehrbuch eine tiefgehende Diskussions anstoßen über den Wert der Kunst und des Zusammenlebens und die Studenten dazu anregen, weitere Lösungen zu finden, die außerhalb der Utilitarismus liegen. Zudem müssen Ökonome aufhören, zu behaupten, ihre Disziplin sei wertneutral. Die Gründer der klassischen Ökonomie, etwa Adam Smith, erkannte, dass die Volkswirtschaft ein Teil der moralischen und der politischen Philosophie ist. Zu dieser Vorstellung müssen wir zurückkehren und erkennen, dass die Ökonomie nicht von moralischen und politischen Fragen getrennt werden kann.

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Ich meine, die Ideologie des freien Marktes ist so ansprechend, weil sie den Fokus auf das frei wählende Subjekt legt. Die Steigerung der Auswahlmöglichkeiten erweckt den Anschein, die Freiheit sei ebenso gewachsen. Das autonome Subjekt meint sich selbst zu ermächtigen, indem es sich am Markt nach seinen vermeintlichen Präferenzen verwirklicht.
Das ist genau das Problem. Der Mensch wird vom Marktdenken im Tiefsten angesprochen, da es persönliche Freiheit verspricht, die nahezu absolut ist. Diese Freiheit scheint es zu erlauben, nicht nur Konsumgüter, sondern auch sich selbst zu wählen. Jedoch geht diese Idee der Freiheit irre. Es ist eine äußerst dürftige Idee der Freiheit, da sie unter anderem jenen Aspekt der Freiheit überdeckt, der es uns erlaubt, freie und gute Gesellschaften zu formen. Diese Vorstellung von der Freiheit ist nichts als eine konsumatorische, die zwar verlockend, aber zutiefst fehlerhaft ist. Die konsumatorische Freiheit ist leer und oberflächlich und sie lenkt uns von der tieferen und anstrengenderen Idee der Freiheit ab, die darauf abzielt, gemeinsam über unseren Sinn im Leben nachzudenken. Die konsumatorische Freiheit ist damit völllig ungeeignet für die Demokratie.

Wir brauchen also einen völlig anderen öffentlichen Diskurs zu diesen Themen. Wir sprachen vorhin vom Mangel an echter Spiritualität, die jedoch helfen könnte, eine tiefere Idee der Freiheit zu ermöglichen. Warum vermeiden wir diesen Diskurs?
Dafür gibt es verständliche Gründe. In einer modernen pluralistischen Gesellschaft widersprechen sich die Menschen in ihren Ansichten zu moralischen und religiösen Fragen. Daher versuchen wir diese Debatten zu vermeiden. Das ist allerdings ein schwerwiegender Fehler, der es erlaubt, die großen moralischen und ethischen Fragen, an den Markt zu übergeben. So wird der öffentliche Diskurs immer sinnentleerter. Dies wiederum hat zu der neuen Kaste von technokratischen Politikern geführt, die niemanden inspirieren. Diese Politik ist völlig unbefriedigend und sie erlaubt keinerlei Ausdruck der zivilen Energien und Hoffnungen demokratischer Bürger. Wir müssen uns wieder ehrlich, die Frage stellen, was es eigentlich heißt, Bürger einer demokratischen Gesellschaft zu sein und nicht den vermeintlich wertneutralen Mechanismen des Marktes verfallen.

Michael Sandel „Was man für Geld nicht kaufen kann“ ist hier erhältlich.

Dieses Interview erschien in Auszügen auch im Rotman Magazine. Hier zum ersten Mal nun das gesamte Gespräch mit Sandel.


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