Inside Capitalism: Ein Ex-Banker packt aus

Inside Capitalism: Ein Ex-Banker packt aus

Geraint Anderson war dabei, als sich in den 2000er Jahren die Finanzindustrie immer mehr bemächtigte. In der City of London war Geraint als Investmenbanker bei verschiedenen Instituten tätig und sein High Speed Leben war das Klischee schlechthin: Sex, Kokain, schnelles Geld, Medienaufmerksamkeit. Doch irgendwann war ihm dieses Leben zu leer und er begann als erster in einer anonymen Kolumne über seine Erfahrungen zu berichten. Wir haben ihn in London interviewt.

wyme: In der Mafia gibt es den Begriff Omertà, Schweigepflicht. Wer redet, stirbt. Gilt das auch für Investmentbanking?
Geraint Anderson: Auf jeden Fall. Nachdem ich mein Buch City Boy veröffentlicht hatte, war ich quasi tot. Als ich gerade allein in die Bar gegangen war, haben mich ein paar Typen angepöbelt, wie ich ihnen das antun konnte. Es ist lächerlich einfach, hier schnell reich zu werden. Wir benutzen exotische Begriffe, um wichtig zu klingen. Aber in Wahrheit schieben wir nur Papiere hin und her. Das soll der normale Bürger aber nicht mitkriegen. Wahrscheinlich werde ich heute Nacht noch umgebracht (haha).

Das Argument ist aber doch oft, dass Investmentbanker so viel Geld verdienen, weil sie einen wichtigen Job erledigen.
Ich fand meinen Job absolut nutzlos. Das Bonussystem ist einfach nur gut, um schnell viel zu verdienen.

Warum sind Investmentbanker eigentlich nicht persönlich dafür verantwortlich, wenn was schiefläuft?
Das war mal anders. Mittlerweile aber funktioniert alles nach dem amerikanischen Bonussystem. Dort kannst du nur gewinnen.

Bet all, lose nothing?
So ungefähr. Als ich 1996 anfing, war das schon ein riesiges Casino. Aber was du verlierst, gehört jemand anderem. Ich kann immer noch nicht verstehen, wie sie damit davon gekommen sind.

geraint anderson
Geraint Anderson hat alle Höhen und Tiefen des Investmentbankings durchgemacht. Foto von Jake Lewis.

Wie wichtig ist Kokain?
Äußerst wichtig
. Es ist die perfekte Droge für Investmentbanker. Kokain ist glamourös, teuer und es macht dich wach.

Nehmen das manche während der Arbeit?
Ja. Ich habe das auch gemacht. Wenn du von einem versoffenen Businesslunch, bei dem du gerade 1.700 Euro ausgegeben hast, zurückkommst und du kaum noch gerade sehen kannst, dann kann es helfen, eine Nase Koks zu ziehen. Ich war aber kein großer Fan davon. Das macht dich paranoid, weil du ständig Angst hast, erwischt zu werden.

Die USA verklagen gerade die Ratingagenturen, weil sie glauben, sie hätten wesentlich zur Finanzkrise beigetragen. Wie hast du deren Rolle erlebt?
Deren Gebühren werden zu einem großen Teil von den Banken gezahlt. Und wer zahlt, gibt eben den Ton an. Die Ratingagenturen haben diesen schrecklichen giftigen Sondermüll an der Wall Street mit Tripple A bewertet. Kurz darauf flog der Schwindel auf. Warum zur Hölle hört irgendjemand noch auf die? Ich kann das nicht verstehen. Die sollten erhängt und gevierteilt werden. Sie waren mitverantwortlich dafür, dass Pensionsfonds diesen Schrott gekauft haben. Das Verhalten der Ratingagenturen ist einer der Hauptauslöser dieser Krise. Zusammen mit den Banken.

Kann man behaupten, dass manche Banken am Crash mitverdienen?
Goldman Sachs wurde letztes Jahr zu einer Strafzahlung verurteilt, weil sie absichtlich fehlerhafte Finanzprodukte designt hatten. Aber die Banken haben kein Interesse an der Finanzkrise. Da sind Typen, die angefangen haben, verrücktes Zeug zu machen, um riesige Boni einzustreichen. Ich glaube an keine Verschwörung, aber in den Structured-Finance-Abteilungen der großen Banken gab es einige, die an den Giftpapieren gut mitverdient haben. Und sie sind damit davongekommen.

Was für Typen arbeiten in den Banken?
Hauptsächlich solche, die früher nie eine abbekommen haben. Und Machos. Es sind auf jeden Fall die wettbewerbsgeilsten Typen, die du jemals treffen wirst. Das Bonussystem verstärkt das noch. Wenn ich eine Millionen Euro bekomme und du zwei, dann bist du zweimal mehr Mann als ich. Das krasse Konkurrenzdenken wird durch die Unsicherheit der Leute verstärkt. Viele, die dort arbeiten, wollen eine Vorzeigeehefrau und ein dickes Auto, um in ihrem alten Viertel rumzufahren und zu zeigen, wie geil sie jetzt sind.

Investmentbanker gelten als gierig. Du hast bei der Sache auch mitgespielt. Die Annahme, popularisiert mit dem Film Wall Street, ist, dass Gier gut ist.
Die neoliberale Theorie sagt, dass Gier uns alle in die perfekte Gesellschaft führen wird. Weil jeder gierig nach seinem eigenen Vorteil streben wird. Aber Gier trennt die Menschen, macht sie hasserfüllt und neidisch. Gier hat auch diese Finanzkrise bewirkt. Gier ist nicht gut, sie ist scheiße. Hier in der City ist sie das einzige Spiel. Einige der Typen, die hier und anderswo für Investmentbanken arbeiten, sind Psychopathen. Die würden ihre Großmutter verkaufen, um schnelles Geld zu verdienen.

Wieso Psychopathen?
Es gibt Studien, die das belegen. Außerdem, was sind die Hauptmerkmale eines Psychopathen? Er ist manipulativ, betrügerisch, charmant, ohne jede Empathie und Reue. Ich habe mit einer Menge solcher Leute gearbeitet. Und sie waren die besten Banker.

Welche Rolle spielt die Prostitution?
Es gibt
Orgien! Was ist das Schlimmste, das dir da passieren kann? Du kriegst keinen hoch, weil du vorher zu viel Kokain genommen hast. Das ist einem „Freund“ von mir passiert. Es gibt eine Firma namens Killing Kittens. Die mieten ganze Häuser in den teuersten Vierteln. Alles ist voll mit Frauen und Sex-Toys.

Machen das alle Banker?
Viele. Vor allem Franzosen und Deutsche waren da. Den Deutschen hat das richtig getaugt.

Du hast auch für die deutschen Banken Dresdner Kleinwort und Commerzbank in London gearbeitet. Wie war das?
Die hat keiner wirklich ernst genommen. Die wollten auch in das sexy Investmentbankgeschäft einsteigen, aber sie haben nur Scheiße gebaut. Ohne Staatshilfe hätte die Commerzbank das nicht überlebt.

Wie lief das Vorstellungsgespräch?
Ich hatte mir einen Anzug für 5 Pfund gekauft und bin zu dem Gespräch gegangen, das damit endete, dass ich mich mit den Leuten dort komplett besoffen habe.

Du hast dich mit denen betrunken?
Wir haben uns komplett abgeschossen. Und dann haben sie gesagt: „Du hast den Job!“
Aber es wurde noch heftiger. Noch am selben Tag hat mich einer meiner zukünftigen Vorgesetzten mitgenommen, damit ich seine Freundin kennenlerne. Er selbst war fett, 50 und rothaarig. Wir sind zu einem Stripclub gegangen und ich erinnere mich, dass ich ihn fragte, ob es nicht seltsam sei, seine Freundin dort zu treffen. Er sagte nur: „Sie ist ja schon da!“, und zeigte in Richtung Bühne, auf der uns gerade eine blutjunge Brasilianerin ihre Arschbacken zeigte. Ich sagte nur: „Sie sieht wie ein nettes Mädchen aus.“ (haha). Er hielt das für eine ernsthafte Beziehung.

In deiner Kolumne hast du auch über Insider-Trading geschrieben. Findet so etwas eigentlich wieder statt?
Ja, das passiert die ganze Zeit. Ich finde es ekelhaft, weil es kein opferloses Verbrechen ist. Pensionsfonds leiden am meisten darunter. Dadurch wird also von normalen Leuten geklaut.

Werden auch Gerüchte verbreitet für den eigenen Vorteil?
Das auch. Wenn du willst, dass eine Aktie nach oben geht, dann lässt du das deinen Kumpel bei den einschlägigen Medien wissen. Du verkaufst dann mit Gewinn. Das passiert oft und hat einen richtig beschissenen Effekt auf die Stabilität der Wirtschaft.

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Es sieht so aus, als ob wir momentan nur die Probleme in die Zukunft verlagern. Irgendwann wird jemand zahlen müssen.
Auf jeden Fall. Wir werden in den nächsten Jahren ein paar grundlegende Veränderungen durchmachen. Es gibt Annahmen, dass die tatsächliche Verschuldung Englands bei etwa 900% des BIP liegt, wenn du alle Faktoren berücksichtigst. Das letzte Land, das in einer so beschissene Situation war, war die Weimarer Republik. Und was danach passiert ist, muss ich dir nicht erzählen.

Was wäre dann eine Lösung?
Ich hoffe, dass zunächst einmal der ganze neoliberale Deregulationsscheiß aufhört, der diesen Mist hier verbrochen hat. Wir brauchen eine gute Regulierung. Das ist der erste Schritt.

Hast du mit deiner Kolumne deinen Frust an der Finanzwelt abgelassen?
Ja. Wenn ich zurückblicke, dann war das eine Therapie für mich. Ich wollte mir meine Sorgen von der Seele schreiben, die ich hatte wegen all der schrecklichen Dinge, die ich getan und erlebt habe. Ich habe mich immer schrecklich schuldig gefühlt, als hätte ich dem Teufel meine Seele verkauft. Wenn ich erwischt worden wäre, hätte ich meine Job verloren. Wahrscheinlich wollte ich das sogar. Denn wir verdienen hier unser Geld nur auf Kosten anderer.

DIeses Interview  erschien zuerst bei VICE.


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