Einen Tag gnadenlos ehrlich

Einen Tag gnadenlos ehrlich

Da mich die ganze gesellschaftlich vorgeschriebene oberflächliche Höflichkeit ankotzt, bin ich ab jetzt zu allen radikal ehrlich. Ob sie mich danach fragen oder nicht. Egal ob ich mir dabei Todfeinde mache oder nicht. Dabei habe ich keinesfalls vor, sämtliche Menschen zu beleidigen. Ich sage heute einfach immer was ich denke.

Mein Tag startet mit einem Einkauf im Supermarkt. Doch im Treppenhaus begegnet mir schon meine super nette Nachbarin, die sich fast täglich beschwert.

Egal ob ich um viertel vor 11 mit drei Leuten in der Küche sitze und mich unterhalte oder auf dem Balkon stehe und der Fernseher läuft, es ist immer zu laut. Wenn ich huste, ist es zu laut. Wenn ich gehe, ist es zu laut. Wenn ich schlafe, ist es zu laut.

Natürlich hat sie die Angewohnheit, mir trotzdem immer mit ihrem freundlichsten „Hallo“ zu begegnen. Doch heute meine Liebe, hast du falsch gedacht.

Kein Entkommen für die nervige Nachbarin

Sie setzt also wieder ihr gekünsteltes Lächeln auf — was für mich nur ein Verziehen der Lippen ist ähnlich wie Angela Merkel und Heidi Klum das machen — und begrüßt mich. Mit meiner neu gewonnenen Unverblümtheit frage ich also: „Haben Sie heute tatsächlich einen guten Morgen oder war ich beim Sex gestern Nacht auch zu laut?

Sie stutzt, schüttelt den Kopf und geht verwirrt weiter. Erste Hürde geschafft. Mein Sex war zwar laut, aber ihr Lover schreit dafür wie ein feminines Meerschweinchen, wenn er kommt. Sie muss es also gewohnt sein.

Einkaufen ohne Kompromisse

Der Supermarkt ist mein Hafen der Anonymität. Hier komme ich mit niemandem ins Gespräch. Die Brötchenverkäuferin gibt mir jedoch Anlass, sie mit der Wahrheit zu konfrontieren: „Wir ham etz drei Brödla und a Brezn, soll’s sonst noch was sein?“

„Ja, ich hätt’ gern die Salzbrezel, die ich bestellt habe. Anstatt der Laugen, die Sie jetzt eingepackt haben. Außerdem hätten Sie fragen können, bevor Sie das Ding zu meinen Brötchen in die Tüte schmeißen. Und jetzt das Salz — von einer Brezel, die ich nicht kaufen möchte — an den Brötchen hängt, die ich dann doch gerne hätte. Plus die Salzbrezel natürlich. Aber bitte in eine neue Tüte, bevor Sie jetzt fragen“.

Unter normalen Umständen hätte ich das wohl einfach so hingenommen, aber ehrlich währt sprichwörtlich ja am längsten. Die Verkäuferin hingegen zieht nur eine Augenbrauen hoch und bleibt professionell. Ganz bestimmt wäre sie jetzt auch gerne ehrlich.

Kaffeeklatsch ohne Euphemismus

Da der Morgen schon so gut lief und ich mich zugegebenermaßen ziemlich befreit fühle, treffe ich mich am Nachmittag mit zwei Freundinnen zum Kaffee trinken. Beide berichten mir von ihren neuen Plänen. Ich hingegen komme nicht umhin, ihnen zu sagen, dass weder das mit der gesunden Ernährung noch das Vorhaben mehr zu lernen und weniger zu trinken meiner Meinung nach funktionieren wird. Ich gebe ihnen maximal vier Wochen.

Als ich merke, dass die Stimmung langsam kippt, schlage ich vor, Schuhe einkaufen zu gehen. Hier kann ich endlich mal was Nettes sagen. Über die neue Kollektion in den Geschäften.

Die Kommentare für meine Freundinnen fallen leider weniger erfreulich aus: der eine Stiefel war nuttig, die Halbschuhe trägt meine Oma und, sorry Mädchen, aber wenn diese Pumps dein „Stil“ sind, dann solltest du dir dringend einen neuen suchen.

Nun habe ich mir endgültig zwei Feinde gemacht und ziehe lieber ab. Vermutlich beginnen sie hinter meinem Rücken schon zu tuscheln. Verdient. Es war nicht leicht, ihnen die Wahrheit zu sagen. Vergiss‘ die Schuhe, aber bei den Vorsätzen hätte ich sie gerne unterstützt, egal was meine Meinung dazu ist.

Verträgt sich Uni mit Ehrlichkeit?

Um 16 Uhr mache ich mich auf den Weg in die Uni. Unvorbereitet, unmotiviert und mit einem Anflug von schlechter Laune. Alles wie immer. Ich erwarte, dass mir hier die Ehrlichkeit am schlimmsten in die Quere kommen könnte. Die Nachbarin ist mir egal, die Bäckerin und meine Freunde verzeihen mir sicher, aber der Dozent? Wir werden sehen.

Anfangs komme ich noch ganz gut weg, meine Kommilitonin referiert und ich chatte nebenbei mit einem Bekannten. Der ist eher in Smalltalk-Stimmung und kostet mich keine weitere Anstrengung die Wahrheit zu sagen. Ja, es geht mir gut und nein, mich interessiert nicht was du am Wochenende Tolles erlebt hast.

Der Vorteil hierbei, ich muss ihm nicht in die Augen sehen und wenn es ihm zu blöd wird, kann er einfach off gehen. Doch als das Referat vorbei ist, fragt uns der Dozent nach unserer Meinung.

Das ist mein Stichwort

Ich melde mich, gewillt genau das zu sagen, was ich denke: „Das Referat war inhaltlich gut. Aber tut mir leid, du hast nur abgelesen und sieben Rechtschreibfehler auf 15 Folien zeugen von nicht all zu großer Sorgfalt. Überleg dir das mit dem Journalismus lieber noch mal. Ach ja und weil man zum Schluss noch mal was Gutes sagen muss: Du bist ganz hübsch, das lenkt vom Rest ab“.

Autsch, das tat schon beim Aussprechen weh und die Kleine vorne schaut mich entsetzt an. Ein paar Reihen hinter mir kichern zwei oder drei Mädels. Auch mein Sitznachbar muss lächeln. Ich komm mir unterdessen fehl am Platz vor und möchte am liebsten im Erdboden versinken. Nicht mal weil ich so trocken die Wahrheit gesagt habe. Das tat sogar richtig gut. Aber weil es nicht wirklich nötig war.

Auf die Frage des Dozenten, ob einer von uns die Pflichtlektüre gelesen hat, antworte ich ganz unverblümt mit „Nein“. Und nein, ich weiß auch nicht wie die Überschrift lautet. Hab ich nicht nachgeschaut, nicht weil ich keine Zeit, sondern einfach keine Lust hatte.

Ehrlichkeit steckt an

Überraschenderweise fühlt sich auch keiner meiner Kommilitonen veranlasst zu lügen. Angestachelt von meiner Aussage oder aus Angst, als einziger Student nach dem Inhalt des Textes gefragt zu werden. Unser Dozent steht also vor 25 unvorbereiteten Studenten. Nicht mal einen Streber haben wir.

Der Dozent saugt sich also noch eine halbe Stunde mühevoll etwas aus den Fingern, sieht dann selbst ein, dass es so keinen Sinn macht und entlässt uns. Nach der Sitzung entschuldige ich mich bei der schüchternen Referentin, weil mir mein Kommentar ehrlich leid tut — ein bisschen zumindest.

Ich bin ausgelaugt, spüre langsam wie anstrengend es sein kann, keiner Situation mit einer Notlüge zu entkommen. Zum Glück steht nun der letzte Termin des Tages an.

Mit Alkohol sind eh alle ehrlich

Mit ein paar Freunden geht es in die Sandstraße zum Feiern. Ich lasse bei einem Kumpel die Bemerkung ab, dass er aufhören soll, sich über Belanglosigkeiten den Kopf zu zerbrechen. Keinen interessiert das jetzt mehr.

Außerdem drücke ich meine Mitfreude gegenüber einem Anderen aus, weil er ein tolles Praktikum ergattert hat. Eine Freundin erntet Lob für die Mühe, die sie sich beim dramatischen Schminken gegeben hat — auch wenn es nicht wirklich schmeichelhaft für ihre dünnen Lippen ist.

Ich werde das Gefühl nicht los, mit meinem Verhalten für mehr Verwirrung zu sorgen, als meine Ehrlichkeit Klarheit schafft. Ich stecke meinem Kumpel noch, dass er seine Liebschaft besser abschießen soll, weil sie ihn ziemlich verarscht. Am Ende des Abends verkünde ich, wie froh ich darüber bin, sie als Freunde zu haben.

Nur die reine Wahrheit

Erleichtert, endlich mal meine Gedanken voll und ganz zum Ausdruck gebracht zu haben, verabschiede ich mich von meinen Freunden. Die Umarmungen fallen nicht ganz so herzlich aus wie gewohnt, aber ich kann mir denken, warum. Doch meine Freunde sind nicht auf den Kopf gefallen. Meine beste Freundin beugt sich zu mir und entlässt mich mit den Worten: „ Übrigens, dein Rock ist zu kurz, deine Schuhe zu hoch und fang endlich mal an vernünftig zu studieren, dafür gehst du schließlich an die Uni. Das ist das große graue Gebäude, dass sich Feki schimpft.“

 


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