Geschichten aus der Unvernunft: Instagram Beachparty

Geschichten aus der Unvernunft: Instagram Beachparty

„Name?“ fragte mich der Türsteher, ohne von seinem weißen iPad aufzuschauen.
„König. Ludwig König.“
Er tippte auf dem Bildschirm mit seinen großen Fingern, fett und gelb wie Stabilo-Boss-Textmarker. „Nicht auf Instagram“, sagte er und wendete sich sofort an die Person hinter mir und fragte nach ihrem Namen.
Ich muss in dieses Kriegsschiff, sonst bringt mich mein Editor um, floss es mir durch den Kopf.
„Achso, ja klar!“ unterbrach ich das aufsprechende Mädchen hinter mir und schob mich vor das iPad. „LudwigKoenig mit o e. Das ist…eh… mein Instagram-Name.“
Er tippte erneut. Schweißperlen zeichneten sich auf seiner Glatze ab, wo die Sonne einen hellen Fleck über seinen Augenbrauen hinterließ.
„Hmm, ja. Zero Follower. Du musst in die andere Reihe“, sagte er ohne von seinem iPad aufzuschauen.
Hinter meinem Rücken entstanden die ersten Seufzer und Fußballen, die taktlos auf den heißen Asphalt knallten.
„Ganz richtig, null Follower“, sagte ich mit aufgesetztem Humor, aus allen Himmelsrichtungen aber Ohrfeigen erwartend.
„Der hat keine Follower“, hörte ich es hinter mir kichern. Ich blickte über meine Schulter und sah mich nur selber in der Reflektion von Sonnenbrillengläsern.

Meine Nackenmuskulatur mimte einen geköpften Aal und ich wand mich wieder an den Kerl mit dem iPad: „Welche Reihe?“ Ich sah keine andere außer dieser hier.
„Du musst in die andere Reihe“, sagte er während sein Handrücken gegen meine Schulter drückte.
„Welche?“ Hörte man mich nicht?
„Ja, die da!“ schrie man im Kollektiv.
„Hier ist nur 200 plus“, sagte der Türsteher und zeigte mit seinen Textmarker-Fingern an mir vorbei auf eine Gruppe von Jungs, die vor einem Holzhäuschen standen.
Augen drehten sich in ihre Frontallappen, Fußballen trippelten gemeinsam einen Song, den ich nicht kannte und Schweiß lief hinter den Sonnenbrillen über die Gesichter. Enttarnt und ausgesorgt ging ich schließlich hinüber zu den Jungs vor dem Holzhäuschen. Es war eine Art braune DDR-Eisdiele, wovor sich Bienen und Wespen in grünen Mülltonnen aus Metall auf die Reste von Flutschfingern setzten. Die Gruppe nickte mir zu und öffnete einen Spalt, in den ich nun zwischen die dürren jesusartigen Körper eintreten konnte.
„Keine Follower, was?“ fragte mich einer aus der Gruppe.
„Jep.“
„Wir auch nicht.“ Er war wohl der Anführer der Gruppierung und sprach für alle.
„Schon klar“, sagte ich.
„Wie lange hast du Instagram?“
„So etwa drei Wochen. Und ihr?“
„Schon einige Zeit….“
„Was ist denn der Eintritt hier für den Laden?“ fragte ich nach einer Pause den Anführer.
„Wissen wir noch nicht“, sagte er in die Gruppe von hängenden Köpfen.
Wir warteten Schritt für Schritt in verbaler Stille, während die Sonne uns in zu helles Licht tauchte, so dass auch schließlich ich meine Sonnenbrille aufsetzte. Im Hintergrund wummerte Elektro-Musik und ich versuchte vergeblich Chopins Nocturne #3 in meinem Kopf abzuspielen. Was sagte Husserl noch über die Phänomenologie der Musik? Hatte er überhaupt etwas dazu gesagt? Ich konnte mich nicht erinnern.
Als der Kamerad vor mir an die Kasse kam, erfuhr ich, dass der Eintritt zwölf Euro machte. Pergolesis Stabat Mater Dolorosa erklang zwischen meinen Ohren und eine sanfte Unschuld floss wie nach starkem Wein durch meinen Körper, während ich dem Anführer der Gruppe auf die Hände starrte.
„Zwölf?“ fragte er erstaunt und öffnete wohl etwas widerwillig seine Ledergeldbörse, die nach Mittelaltermarkt aussah. Er gab der gelangweilt reinschauenden Kassendame, die mit einem roten Mittelfingernagel auf das Holz des Tisches klopfte, einen Zwanziger, erhielt sein Wechselgeld und ein Schild, ähnlich derer die Marathonläufer bekommen, mit seinem Namen darauf. Er hieß born_inna_hut.
Ich ging dieselbe Prozedur durch und bekam mein Schild mit ludwigkoenig darauf. Ich befestigte es mit zwei Sicherheitsnadeln in Bauchhöhe an meinem Hemd, hob meinen Kopf und sah es: Eine Instagram-Beachparty. Oh boy…

Ok, erstmal ein Bier, dachte ich. Ich schlenderte auf die Masse zu, die im Elektro-Beat Wellen schlug, bewegte mich immer weiter hinein und fand auf ungefähr zehn Uhr einen Getränkestand.


„Ein Bier, bitte.“
„Nene, nur Cocktails. Mojitos, Bacardi… Sex on the Beach”, sagte kate_rupee. Sie trug eine Jeans-Hotpants und ein dunkelblaues Bikini-Top und zuckte zur Musik, während sie Getränke in Plastikbecher schoss. Ihr blonder Zopf hüpfte dabei auf ihren Schultern und ich vergaß mich für einen Moment.
„Ein Bier, bitte!“
„Kein Bier! Nur Cocktails. Mojitos, Bacardi… Sex on…“
“Kein Bier”, murmelte ich. Kein Bier. kate_rupee sagte mir dann, dass ich zum anderen Stand müsse, der bei der Orchideen-Foto-Challenge liegt. Ich bedankte mich und schlängelte mich ausweichend schulterkreisend durch die Menge, bis ich den Orchideen-Foto-Challenge-Stand fand und mich links daneben an den Bierstand drängelte.
„Drei Bier, bitte!“
„Drei Bier!“ rief panty_girl92 barboy2022 zu. Sie trug eine Jeans-Hotpants und ein gelbes Bikinioberteil. barboy2022 war braungebrannt und trug ein weißes enges Shirt, das um seine Arme spannte und seine Adern wie Regenwürmer aussehen ließ.
„Hier, lud… wig…ööh…koenig“, sagte panty_girl92 auf mein Schild schauend und zwinkerte mir dann zu.
Ich blieb an der Bar stehen und kippte das erste Bier runter, um meinen Durst zu stillen. Das zweite trank ich auf halbgas, um nicht zu schnell betrunken zu werden. Das dritte nahm ich mit zum Orchideen-Foto-Challenge-Stand.
„No Filter Challenge. No Filter Challenge!“ rief jemand durch den Pavillon, in dem circa dreißig Orchideen verteilt waren. Leute scharten sich mit ihren Handys um die Blumen und versuchten das beste Foto des Tages zu knipsen – Kondition #nofilter. Zu der Zeit lag onico_rap auf Platz eins, gefolgt von liss4ever21 und lulu_dubheart.
onico_rap trug enge Jeans, die an seinen Fußknöcheln hochgekrempelt war, ein Shirt, das bis zu seinen Knien ging, jedoch keine Socken unter den orangenen Asics. Er machte Selfies mit der digitalen Tafel, die die Platzierungen in Helvetica anzeigte. jordanjolly940 gab onico_rap High-Five, woraufhin sie beide ein Selfie machten und ihre Zungen dabei herausstreckten und onico_rap das Hang-Loose Handzeichen und Jordanjolly940 ein umgekehrtes Peace-Handzeichen machte.
Ich entschloss mich weiterzugehen, doch machte ich noch Halt an dem Bierstand, wo barboy2022 weiterhin zapfte und mir dieses Mal babee_boo69 meine Bestellung von zwei Bier brachte, da panty_girl92 hinter barboy2022 an ihm rumtanzte und whooo rief, whooo.
Ich hörte, wie sich zwei über einen mrfit unterhielten, der nach Aussage von body_countboom eine Art Nummer 1 Verkehrsschild Dubais sein muss, also folgte ich ihnen, um zu schauen, was es mit ihm auf sich hat.
Mich wieder durch die Menge schlängelnd, musste ich mir größte Mühe geben body_countboom und seinen Kumpel, dessen Namen ich nicht erkannt hatte, nicht zu verlieren, und gleichzeitig so wenig von meinen zwei Bier über meine Hände zu schütten wie irgend möglich. Es macht schon Sinn, dass diese Art von Trinken Irische Handschellen genannt wird.
body_countboom und sein Kollege köpften sich durch die Menge wie Tauben, so als wollten sie die umliegende Szenerie bejahen oder sich ständig wegducken. Ich war mir nicht sicher. Im Hintergrund vernahm ich schon lautes Gegröle und als ich wenig später zu body_countboom aufgeschlossen hatte, öffnete sich die Menge um eine Art modernen Gladiatorenzirkus. Den Kopf im Nacken und das Bier die Kehle hinunterfließend sah ich einen großen Banner, auf dem zwischen zwei Spartiaten-Helmen das Wort CrossFit stand, darunter als Unterüberschrift irgendwas mit Warrior und King, was ich nicht richtig erkennen konnte, da der Banner im Wind flatterte, und ich vom Gegröle und Grunzen der vor mir schwitzenden Horde abgelenkt wurde.
Auch hier schien es einen Wettbewerb zu geben.
Ich drängelte mich zu body_countboom vor und fragte ihn, wer der Favorit des heutigen Rennens sei.
„Das ist kein Rennen, Bro“, sagte er. „Competition ist just for Fun. Wir sind alle Brüder hier. Machste auch CrossFit?”
“Hmmm ne“, antwortete ich. „Ich bin nur hier, um Bericht zu erstatten.“
„Ja? Das ist heftig. CrossCoach.net? Wodtalk.com?“
„Ne, wyme.de.“
„Kenn ich nicht.“
„Nicht schlimm.“
„Wie heißt du?“ fragte body_countboom mit ausgestreckter Hand.
„Ludwig.“
„Heftig. Ich bin Alex. Nice, dich kennenzulernen.“ Wir schüttelten die Hände, dann fügte er hinzu: „body_countboom ist nicht mein richtiger Name.“
„Achso. Immer noch Ludwig.“
Alex boxte mir freundschaftlich auf die Schulter, was eines meiner Biere zum Überschwappen brachte.
„Boah sorry, Bro“ reagierte er darauf. „Aber was läufse auch mit zwei Bier durch die Gegend. Ist nicht gut, digga, ist nicht gut. Musst Sport machen. Fit bleiben, Bro.“
„Was soll ich machen… darf auf der Arbeit kein CrossFit machen.“
„Wieso? Ist voll gut für dich.“
„Wegen Verletzungsgefahr… Versicherung.“
„Ach!“ Er winkte mit der Hand durch die Luft als wollte er eine nervige Fliege loswerden. „Ist überhaupt nicht gefährlich“, sagte er. „Bist aber so Schriftsteller, ne? Die saufen doch ständig“, lachte Alex auf.
„Was ist mit mrfit? Macht der hier mit?“ fragte ich ihn daraufhin.
„Nene, macht kein CrossFit mehr. Schulter im Arsch. Aber hat den heftigsten Namen. Ich mein, wie Nummer 1 Schild in Dubai. Alle wollen mrfit heißen.“

Zur Zeit des Schreibens waren alle genannten Instagram Namen noch nicht vergeben und beziehen sich damit nicht auf echte Accounts.


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