Europa, unser Aschehaufen

Europa, unser Aschehaufen

Ich bin auf Sizilien. Es ist spannend von hier die Debatte über Flüchtlinge in Deutschland zu beobachten, hier, wo an mehreren Häfen täglich Tausende ankommen. Die Presse überschlägt sich mit der Berichterstattung in meinem Heimatland, die Flüchtlingsheime brennen. Es ist wichtig, dass wir uns mit dem Thema auseinandersetzen, aber das Phänomen ist kein Neues. Ich gebe mir selbst die Schuld.

Die Einwanderungsgeschichte in Deutschland ist lang. Viele Türken und Italiener kamen in den Sechzigern und dennoch ist alles, was ich aus meiner Kindheit kenne ein Klischee. „Türken sind alle Schläger“, sagen da die Einen oder „Italiener sind Machos“, die Anderen. Aber mein Vater repräsentiert nicht das Dolce Vita. So wie viele seiner italienischen Landsmänner ebenso wenig. Das Dolce Vita ist zunächst einmal der Titel eines Fellini Films und zweitens eine Erfindung der Lebensmittelindustrie, die Maggie-Fertigprodukte besser zu verkaufen ersuchte. Manchmal ist mein Vater sehr still, an anderen Tagen hat er die deutsche Mentalität verinnerlicht. Für Einwanderer ist es hart, wird es, nach mehr als sechzig Jahren immer hart bleiben. Wer seine Heimat verlässt, führt den Status eines Suchenden.

Ich bin alleine mit meiner Forderung, dass wir, wenn wir nachts schon besoffen einen Döner bestellen können, wenigstens ein paar Worte Türkisch lernen sollten, um uns dafür zu bedanken. Ich bin alleine mit der Forderung zu differenzieren, dass Gewaltbereitschaft keine Sache der Nationalität ist und nicht jeder Schwarze am Hauptbahnhof mit Drogen dealt. Alltagsrassismus ist schon lange salonfähig und ich will nicht immer der Spielverderber sein. Aber wo Türken angeblich gewalttätig sind und Italiener korrupte Mafiosi, da wird irgendwann gehandelt. Sprache ist nur der Motor der Verlassenen.

Auf Wyme haben wir lange vor den Anschlägen, die mittlerweile einem organisierten Terrorismus ähneln, über Rassismus in Deutschland berichtet. Viele größere und wichtigere Organe haben sich ebenso damit auseinandergesetzt, wurden aber belächelt von unseren Grundschulfreunden, die mittlerweile ungeniert rassistische Artikel teilen oder Statusupdates von Jan Leyk. Ich darf diese Menschen nicht mehr in meiner Vergangenheit vergraben, ich muss mir anhören, was sie denken. Meinung ist zu einem Produkt geworden; sie wird platziert neben harmlosen Urlaubsfotos und dem Beziehungsstatus. Ich will nicht wissen, wie Sarah H. aus der 2B zur Flüchtlingspolitik steht, da sie offensichtlich nach unserer Schulzeit keine lehrende Institution mehr besucht – und keine Ahnung von der Materie hat. Ich muss es mir aber anhören, wenn ich zum sozialen Gefüge dazugehören will. Eine Freundschaft auf Facebook aufzulösen, ist mehr No-Go, als sich öffentlich Konzentrationslager zurückzuwünschen.

Spontantäter wie Til Schweiger, die Pop-Up Flüchtlingsheime bauen wollen, sind mehr Problem als Segen, wobei ich es grundsätzlich gutheißen will, dass Schweiger das, was er dem deutschen Volk mit “Keinohrhasen” und “Honig im Kopf” angetan hat, mithilfe sozialen Engagements gutmachen will. Da seine Fans sich aus der breiten Masse speisen, fühlen sie sich innerhalb weniger Wochen von ihrem Idol alleine gelassen, was den heimlich Rechten schon immer ein Dorn im Auge war und sie in die Fänge politischer Mobilisierung treibt. Eine kurzfristige Wohltat, die ich Schweiger, wie gesagt anrechnen möchte, ist – wir erinneren uns an die IceBucketChallenge – viel weniger hilfreich, als ein langfristiges, gezieltes Engagement, das weder in wenigen Wochen abschwächen kann, noch an fehlender Organisation scheitert. Fans fühlen sich vom einstigen Kinderfickerhasser desillusioniert, der in einem Interview krakeelte, dass er Pädophile aus der Gesellschaft ausschließen will und nun mit Sigmar Gabriel im Sommershirt für Toleranz einsteht.

Facebook suggeriert Viele, wo nur Wenige sind. Es mobilisiert Verlierer, die sich in ihren Ansichten bestärkt fühlen, wenn nur ein Einziger gleich denkt. Das ist die Meinungsvielfalt, die es zugelassen hat, dass Akif Pirinçci in Buchhandlungen für Hass gegen Schwule werben durfte, die es zugelassen hat, dass eine angesehene Branche wie die des Buches einen Sarazzin brabbeln lässt – ohne Widerworte von Veranstaltern. Der Distanzierungsgedanke greift zu oberflächlich, wenn er erst stattfindet, sofern ein lauter Mob im Internet diesen fordert. Es dürfen Leute gar nicht erst eingeladen werden, als diese öffentlichkeitswirksam auszuladen. Ein renommierter deutscher Verlag, der Umsatz vor seiner Verantwortung wittert, kennzeichnet den akzeptierten Tod des Idealismus, den wir dringend benötigen, um unsere Gesellschaft zu verändern.

Währenddessen pupst Merkel in ihren Regierungssessel. Sie streichelt ein Flüchtlingsmädchen und wird dafür gefeiert, dass sie einen gefährlichen Satz im Fernsehen sagen darf. „Wir können nicht alle aufnehmen.“ Ich möchte einen Südafrikaner sehen, der in einem hochentwickelten Land wie seinem auch nur daran denkt, nach Deutschland auszuwandern, weil es ihm dort angeblich besser geht. Ich kenne viele weitere Beispiel von afrikanischen Staaten, die nicht am Existenzminimum leben. Wir stellen uns vor: Es gibt dort sogar Wasser! Das passt den Uninformierten nicht. Da reicht es nicht aus, Artikel darüber zu schreiben, warum syrische Flüchtlinge ein Iphone besitzen. Wie viel, liebe Journalisten, wollt ihr dem braunen Mob noch erklären, erläutern, in die Hände spielen für Gegenargumente, immer weitere Widerworte? Wer die Brisanz der Flüchtlingssituation nicht begreift, wird es sicher nicht durch einen spritzig geschriebenen Artikel. Intelligenz und Empathie kommt nicht über Nacht und zu vielen kommt sie nie.

Es gibt Erfolgsgeschichten. Sie sind leise. Viele wollen Flüchtlingen helfen, scheitern aber an der Bürokratie. Ich habe in den letzten vier Wochen mindestens zwanzig Mails und Telefonate geführt, in denen ich mein Anliegen, auf Sizilien oder in Norditalien in Auffanglagern und Heimen zu helfen, abgekanzelt wurde. Wenn Überlebende an den Häfen von Pozzallo und Palermo ankommen, werden sie von der Bevölkerung weggetragen und verschwinden später, mit Duldungsstatus, in der Masse. Sie werden systematisch abgeschirmt wie Hunde, die an der Leine gehalten werden und über die wir uns dann wundern, wenn sie in Kämpfe geraten mit denjenigen, die frei herumlaufen dürfen.

Dennoch gibt es auf Sizilien Helden. Leoluca Orlando, Bürgermeister von Palermo, hat in seinem Regierungssitz für Touristen auf fünf Sprachen ein Paper ausgelegt, in dem er sich über das „neue Europa“ echauffiert, das Menschen wie Illegale handelt. Er fordert sichere See- und Luftwege und steht dafür seit Jahren unter Personenschutz. Oder Giusi Nicolini, Bürgermeisterin von Lampedusa, die sich für Flüchtlinge einsetzt, obwohl ihre Gemeinde nur 5000 Leuten zählt und zum Symbol für das Mittelmeersterben geworden ist. Diese Menschen sind Kämpfer. Kämpfer, die es geschafft haben, dass Einwohner Gestrandete in ihrem Haus aufnehmen, obgleich sie – durch Mafiastrukturen und der sizilianischen Mentalität – ein Misstrauen gegenüber Autoritäten pflegen.

Deutschland fehlt es an diesen Figuren. Sie verstecken sich hinter politischen Floskeln, fordern PR-abgesegnete Interviews und treten zurück, wenn Braunes sie bedroht. Andere äußern sich gar nicht. Unsere Vorbilder scheuen das ehrliche Wort, Journalisten schreiben in klischeehafter Sprache und drucken Fotos von ehrenamtlichen Helfern, die dämlich in Kameras lächeln, den Daumen hochhalten oder – schlimmer noch – einen Schwarzen im Arm halten, das es kitschiger anmutet als in einer Schülerzeitung. Gutes verkauft sich schlechter als ein brennendes Flüchtlingsheim mit einem Glatzköpfigen davor, der ein SS-Zeichen auf dem Nacken trägt. Es ist die Kraft ikonischer Bilder, bildhafter Sprache, die dem Guten als Werkzeug fehlt. Hass zündet Bengalos – Liebe malt bunte Plakate.

Sizilien wird überrannt und Bürgermeister werben für mehr Toleranz. In Deutschland wird währenddessen organisiert. Es werden Grenzen gezogen, damit es bloß nicht „zu viele“ werden. Aber der Krieg folgt keinem Schema, keinen Regeln. Europa will ein grenzenloser Kontinent sein, erklärt aber zeitgleich Flüchtlingen aus den eigenen Balkanstaaten selbst den Krieg, in dem es ihnen einen sicheren Status im Herkunftsland attestiert. Freiheit gilt eben nur in der Union, nicht auf dem Kontinent. Europa, was hast du uns und der Welt versprochen? Mit jedem weiteren Heim, das brennt, stehst du vor deinem eigenen Aschehaufen. Wir haben die ganze Zeit zugeschaut.


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