Einer der größten Intellektuellen Chinas kandidiert jetzt für die CSU

Einer der größten Intellektuellen Chinas kandidiert jetzt für die CSU

Für seine Verdienste wurde der 55-jährige You Xie von einer chinesischen Wochenzeitung in die Top 100 der chinesischen Intellektuellen gewählt. Doch seine politische Berufung beschränkt sich nicht auf sein Heimatland: Bei den Kommunalwahlen in Bayern kandidierte er für die CSU — mit unerwartetem Erfolg: Er erhält mehr Stimmen als der Fraktionschef.

Durch das Tian’Anmen-Massaker am 04. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens verlor er Mutter und Vater. Das chinesische Militär erschoss seine Eltern zwar nicht, aber inhaftierte seinen Vater als Teil einer „aufrührerischen Kraft“. Dieser hatte gegen die Art und Weise protestiert, wie die chinesische Regierung ihre Macht schamlos ausnutzte und sich korrumpieren ließ. Seine Mutter wurde daraufhin so sehr drangsaliert, dass sie nach Monaten der Pein nur noch einen Ausweg sah: Sie nahm sich das Leben, um ihrem seelischen Schmerz zu entkommen.

You Xie war damals 29 Jahre alt und studierte Germanistik in Bamberg. Vom Chaos in seiner Heimat trennten ihn zwar hunderte Kilometer, doch (das machte ihn nicht weniger betroffen) sein Herz war dadurch nicht sicherer. Inzwischen hat er diese Vergangenheit hinter sich gelassen und verdient sein Geld als Besitzer einer China-Imbissbude in Bamberg.

You Xie wurde zum Dissident

„Das Massaker hat mein Leben von Grund auf verändert“, sagt er heute. Bekleidet mit einem traditionellen chinesischen blau-schwarzen Mantel mit goldenen Symbolstickereien steht er nur wenige Meter von seinem Geschäft entfernt, am Fluss und schaut auf die Bamberger Altstadt.

„Ich wollte etwas für mein Land tun, für China tun. So wie bisher konnte es doch nicht weitergehen“, sagt You Xie. Also tat er das, wofür er heute noch bewundert wird: Er fing an zu schreiben. Veröffentlichte mehrere hundert Artikel in chinesischen Zeitungen und Zeitschriften und gründete sogar ein eigenes Magazin: „Chinese-European Newspaper“.

Wo er nur konnte, kritisierte er die gewaltsame Herrschaft der chinesischen Regierungspartei und forderte einen Kurswechsel. Als Vorsitzender des Verbandes der chinesischen Studenten und Wissenschaftler in Deutschland, traf er sich häufig mit hochrangigen Politikern. Stets gab er ihnen eine Liste mit Namen politischer Gefangener mit, wenn die Politiker zu einer China-Reise aufbrachen.

Verehrt und Verbannt

Als Nachfahre von Xie An (320–385 n. Chr.), des kaiserlichen Herzogs von Luling während der Jin-Dynastie, besitzt You Xie im traditionsreichen China zudem auch historisch begründeten Einfluss. Der große Einfluss der Xie-Familie findet sich auch in neuerer Zeit: Seine Großtante Xie Fei war Ehefrau von Liu Shaoqi, dem Staatspräsidenten der Volksrepublik China von 1959 bis 1968.

Die Reaktion der Regierung auf die Kritik eines so hochrangigen Mannes, erfolgte schon nach den ersten Veröffentlichungen: Er erhielt ein Einreiseverbot. Eine Verbannung in die Fremde. Dieser Schlag traf You Xie hart: „Das war sehr schlimm für mich. Ich bin ein sehr heimatverbundener Mensch, aber ich musste trotzdem weitermachen.“

Diese Verbannung folgt ihren eigenen Regeln. Während er wegen einer Auswahl seiner Werke nicht mehr nach China zurück darf, werden andere seiner Bücher und Artikel dazu genutzt, um die künftige Bildungselite heranzuziehen.

Forderung nach Widerruf

Als Journalist und Publizist gilt er der chinesischen Regierung einerseits als Feind. Er steht auf der „schwarzen Liste“ und darf ohne „eindeutigen Widerruf mit Reue“ nicht einmal in sein Heimatland reisen. Auf der anderen Seite schlagen die Spitzenpolitiker der Regierungspartei seine Bücher auf.

Sie nutzen die Literatur von You Xie sogar, um ihre eigene Jugend mit dem Wissen heranzuziehen, das ein Verbannter gesammelt hat und dessen Verbreitung sie so sehr fürchten. You Xie gilt in den privaten Schulen der Regierungspartei als renommierter Wissenschaftler — nicht aber in der Öffentlichkeit. Er hat sich an diese Scheinheiligkeit gewöhnt.

Feind und Vorbild zugleich

You Xie ist überzeugt: „Ich werde meine Schriften niemals zurückrufen. Verrat an mir selbst, den werde ich nicht begehen.“ Doch selbst wenn er es tun würde, stände die chinesische Regierung dann nicht vor einem viel größeren Dilemma?

Wenn der Autor, der Feind, dem Regierungswillen nachkommt und sich aussöhnen will, indem er seine Thesen zurückzieht — auf welches Wissen und welche Lehren beruft sich dann der Nachwuchs der chinesischen Elite künftig?

Durch den erzwungenen Rückruf zögen Chinas Politiker sich das geistige Fundament unter den Füßen weg, auf dem sie ihren Nachwuchs ausgebildet haben. Was bliebe, wäre ein geistiges Chaos, das dem zu Zeiten der Jasmin-Revolution wohl in nichts nachstünde.

Umso verwirrender ist, dass die Parteispitze noch immer versucht, den Kontakt zu You Xie zu halten. Nicht selten hört der Imbissbudenbesitzer von dort Worte wie „You Xie, wir wollen doch eigentlich dasselbe. Aber du willst es zu schnell. Das können wir doch alles auch friedlich lösen.“

You Xie wünscht sich die Versöhnung mit China

Nur ist You Xie eben kein Terrorist, der mit Granate und Sturmgewehr bewaffnet auf die Regierung Chinas losgeht. Seine Waffen sind Stift, Papier und die Macht der Worte. Sein Quartier ist keine moderne Militäranlage, sondern eine kleine Imbissbude in der Bamberger Innenstadt.

You Xie sagt: „In China regieren Kommunisten. Die machen oft sehr viele Dinge ohne Grund“. Darin könnte auch die CSU endlich das Verständnis finden, nach dem sie sich schon so lange sehnt. Auf der einen Seite mit Wahlslogans wie „Wer betrügt, der fliegt“ hausieren gehen, auf der anderen Seite einen Deutsch-Chinesen hofieren, sobald dieser der eigenen Partei zuträglich ist — das passt nicht zusammen.

Sein Weg in die Politik

Mit dem Slogan “Ente gut, alles gut” warb You Xie für seinen Einzug in den Stadtrat. Im ersten Anlauf katapultierten ihn die Wähler von Listenplatz 29 auf den ersten Platz. Er war der große Gewinner.

Doch nicht als Parteimitglied wählten ihn die Bürger, sogar noch vor Ministergatten Markus Huml (Ehemann Melanie Huml -Bayerische Staatsministerin für Gesundheit und Pflege), sondern als Journalist und Imbissbudenbesitzer. Wäre You Xie für die SPD angetreten, hätte er wohl noch mehr Stimmen bekommen.

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Anstatt den Idealen traditioneller CSU-Wähler zu entsprechen, schwingt ihm von anderer Seite umso größere Zustimmung entgegen. Viele Studenten und Stammkunden seines China-Imbisses hätten zu ihm gesagt: „You Xie, ich hätte dich liebend gerne gewählt. Aber damit zeitgleich die CSU unterstützen? Entschuldige bitte, aber das mache ich einfach nicht.“

Ente gut, alles gut

Sogar manche Gemeinsamkeiten glauben die Studenten zwischen der CSU und You Xies Heimatland zu entdecken: „Darstellendes Kräftespiel auf dem höchsten schauspielerischen Niveau.“

You Xie ist der Mann, der beide Systeme ins Wanken gebracht hat. Seine schrecklichste Waffe dabei: eine Portion frisch gebratener Nudeln.

Na dann — Mahlzeit.


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