Die Bio-Hacking-Revolution: Ein Interview mit Cathal Garvey

Die Bio-Hacking-Revolution: Ein Interview mit Cathal Garvey

Anfang 2010 war der junge Doktorand Cathal Garvey zunehmend desillusioniert, als er an seiner Doktorarbeit an der Krebs-Forschungsanstalt außerhalb von Cork, Irland, arbeitete. Anfänglich begeistert über die Erforschung der Möglichkeiten des Einsatzes der Gen-Therapie, realisierte er bald, dass sich die unternommene Forschung immer weiter von seinen eigenen Vorstellungen entfernte.

Garvey fühlte sich gezwungen eine Entscheidung zu treffen: Er könnte an einem Projekt weiterarbeiten, an dem er nicht länger interessiert ist oder er könnte etwas weitaus Unkonventionelleres unternehmen. Er könnte versuchen sich zuhause ein eigenes Labor aufzubauen.

Nachdem er offiziell aus seinem Programm ausgeschieden war, begann Garvey die Materialen zu beschaffen, um sein eigenes Labor zu gründen. Mit einem Mix aus Entschlossenheit und Einfallsreichtum stellte Garvey ein voll funktionstüchtiges, selbstgebautes Labor in einem freien Schlafzimmer in dem Haus seiner Eltern auf die Beine. Über die nächsten Wochen ließ er sich auf eine Reihe kleiner wissenschaftlicher Experimente ein. Er begann eine Zentrifuge zu entwerfen und seine eigenen Bakterien wachsen zu lassen. Er begann mit DNA zu experimentieren. Am wichtigsten von allem ist, dass er einen Weg gefunden hat seiner Leidenschaft für Biologie außerhalb der Strukturen traditioneller Institutionen nachzugehen.

Mit dieser Entscheidung ist Garvey in eine kleine, aber stetig wachsende, Gemeinschaft von Individuen, die sich „DIY Biologie Bewegung“ nennt, eingetreten. Diese Gruppe, auch bekannt unter „Bio-Hacking“-Gemeinschaft, versucht Biotechnologie für die Massen zugänglich zu machen. Überall auf der Welt, in unordentlichen Kellern und Gartenlauben, helfen diese Individuen eine Revolution zu starten, von der sie glauben, dass sie die Art, wie wir leben verändern wird.

Letzten Monat haben wir uns mit Garvey zusammengesetzt, um über die Geschichte und die Zukunft der DIY Biologie Bewegung zu sprechen.

wyme: Könntest du zuerst erklären, was man unter „Bio-Hacking“ versteht?
Cathal Garvey: Bio-Hacking ist der Teil eines breiteren Phänomens, das man als DIY Biologie kennt. DIY Biologie ist in seiner einfachsten Form eine Bewegung, bei der die Menschen fortgeschrittene Biotechnologie hernehmen und überarbeiten. So, dass sie als Hobby betrieben oder für Bildungszwecke verwendet werden kann.
Dies ist deshalb bedeutend, weil die Biotechnologie ein Zweig der Wissenschaft ist, der oft vernachlässigt und überarbeitet wurde. Eben wegen ihrer Komplexität und ihren Schwierigkeiten. Aber in den letzten Jahren hat die moderne Technologie die praktische Biotechnologie viel zugänglicher gemacht.
Der Begriff „Bio-Hacking“ wird normalerweise dafür verwendet, um einen Teil der DIY Biologie zu bezeichnen, wo die Leute auf dem genetischen Level arbeiten. Dort beschäftigen sie sich in der genetischen Analyse oder der genetischen Manipulation.

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Es scheint, dass die DIY Biologie in den letzten Jahren immer populärer geworden ist. Was hat deiner Meinung nach dazu geführt?
Das ist eine interessante Frage. Ich wundere mich oft selbst darüber. Ich glaube, es können Parallelen zwischen der DIY Biologie Bewegung und er der frühen Computer-Revolution gezogen werden. Als die Technologie immer verfügbarer wurde, begannen sich auch Leute außerhalb ihres Elfenbeinturmes dafür zu interessieren. Die Frage, die sich nur wenige Personen stellen, ist: Wieso interessieren sich überhaupt Leute für etwas?
Du würdest feststellen, dass viele, die sich von Anfang an in der DIY Biologie engagiert haben, in anderen Bereich hochqualifiziert sind. Ich fand es amüsant, dass viele der Leute, die sich mit der DIY Biologie beschäftigten sich zum Beispiel auch sehr in der Kryptographie auskennen. Aber, wenn die Technologie immer zugänglicher wird und die Dinge immer einfacher durchzuführen sind, wirst du auch mehr und mehr Leute finden, die sich mit bodenständigeren Hobbys beschäftigen. Leute, die nichts anderes haben, für das sie sich brennend interessieren. Und sie denken: Das sieht ziemlich cool aus.
Ich glaube außerdem, dass viele Leute zur DIY Biologie kommen, weil sie realisieren, dass ihnen diese Technologie dabei helfen kann, große Probleme zu lösen und große Veränderungen für die Welt mit sich bringen kann. Das ist sicherlich einer der Gründe, weshalb ich dazu gekommen bin.

Wie bist du zur DIY Biologie gekommen?
Ich glaube, wie die meisten anderen in der Bewegung bin ich dazu gekommen, weil ich ein gelangweilter Doktorand war. Ich arbeitete in einem Labor, das Krebs untersucht, und war in eine Studie zur Gen-Therapie involviert. Aber unglücklicherweise hat sich das Thema so stark geändert, dass es nicht länger etwas mit der Gen-Therapie zu tun hatte. Und irgendwo zwischen diesen Änderungen, realisierte ich bald, dass es da draußen Leute gab, die erfolgreich genetische Experimente in ihrer Freizeit durchführten. Und so dachte ich, „das ist cool“. Ich kann etwas dazu beitragen.

Was, meinst du, sind die sozialen Vorteile der DIY Bewegung?
Zuerst, denke ich, lohnt es sich die direkten Vorteile zu berücksichtigen. Ein offensichtlicher Vorteil ist, zum Beispiel, dass die Menschen dazu kommen, die Technologie zu verstehen, die bereits vorliegt, aber von dem sich viele Leute ausgeschlossen fühlen. Zum Beispiel in Europa gibt es starken Widerstand gegen die Bio-Technologie. Aber die meisten wissen gar nicht, gegen was sie sich wehren.
Da gibt es beispielweise die Idee, dass Gen-Pflanzen schlecht sind. Du fragst die Leute wieso und sie sagen, weil es nicht natürlich ist. Aber was ist natürlich?
Ich glaube, dass es ein großer Vorteil ist, dass sich immer mehr Menschen mit der Bio-Technologie auseinandersetzen und so bemerken, dass die Mythen, an die sie vorher geglaubt haben, eigentlich Unsinn sind. Und indem die Menschen immer mehr wahrnehmen, was um sie herum passiert und was verfügbar ist, werden sie zunehmend selbständige Menschen. Sie können ohne vom Marketing und falscher Forschung, wie sie von großen Industrien, wie dem Lebensmittelmarkt, heutzutage betrieben wird, beeinflusst zu werden, freie Entscheidungen treffen.

Was, denkst du, werden einige der täglichen Vorteile der DIY Bewegung sein?
(lacht) Ich dachte, ich rede über die täglichen Vorteile, wenn ich über selbständige Menschen spreche. Aber andererseits, vermute ich, gibt es noch greifbarere Vorteile.
Nehmen wir Cork als Beispiel. Cork ist zur Zeit ein sehr aufregender Ort für synthetische Biologie – den Bereich der Bio-Technologie der sich mit der schnellen Entwicklung der DNA beschäftig, indem sie mit Computern verwandte Technologie verwenden. Es gibt eine Gruppe in Cork, die in ein Programm namens „Synthetischer Biologie Beschleuniger“ involviert ist. Momentan wollen sie synthetisches THC produzieren, den aktiven Wirkstoff des Cannabis. Und sie wollen es aus medizinischen Gründen herstellen. Sie wollen dafür Brauer-Hefe hernehmen. So wären sie in der Lage große Mengen eines hochwertigen Produktes herzustellen ohne dafür landwirtschaftliche Flächen zu besetzen. Die prognostizieren, dass sie in der Lage wären mit diesen Brau-Techniken ein extrem wertvolles medizinisches Produkt herzustellen. Sie wären in der Lage es günstiger und effizienter und auch umweltfreundlicher als reguläre Methoden zu produzieren.
Es gibt auch noch ein Team, das sich „Revolution Biotech“ nennt. Sie arbeiten an einer Petunie, die das Muster auf ihren Blättern über den Tag hinweg verändern kann. Es ist komplett ungefährlich und eine harmlose genetische Veränderung der Pflanze.

Würdest du sagen, dass es ein politisches Element in der DIY Bewegung gibt?
Ich glaube, jeder der mit der Technologie arbeitet und behauptet, dass es unpolitisch ist, hält sich selbst zum Narren.
Technologie handelt von Befähigung. Es ist über die Fähigkeit etwas zu entwerfen, das neu für die Welt ist – und wenn es irgendeinen Einfluss hat, dann wird es auch Einfluss auf andere haben und auch auf unsere Umwelt – und das kann sowohl gut als auch schlecht oder gänzlich neutral sein.
Es gibt den Ausdruck „Bio-Politik“ dafür. Und es geht um unser Essen, das wir zu uns nehmen, die Kleidung, die wir tragen, und diese Art von Sachen. Und da gibt es Probleme – es ist nicht alles rosig. Das Essen und die Kleidung sind, zum Beispiel, gespickt mit Patenten. Und das betrifft nicht ausschließlich genetische Modifikationen.
Diese Art der Kontrolle, glaube ich, hat einen negativen Einfluss auf Innovationen. Und das zu einer Zeit, wenn wir eine exponentiell wachsende Bevölkerung ernähren müssen, während wir gleichzeitig unseren Umwelteinfluss reduzieren müssen. Und wir wissen, die Wissenschaft ist sich da sehr sicher, dass wir mit genmanipulierten Pflanzen, mehr Nutzpflanzen auf weniger Land produzieren können. Es ist ausschlaggebend, dass wir diese Technologie anwenden können. Aber es gibt eine intellektuelle Eigentums-Barriere.

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Wenn wir mit der Idee der potentiellen landwirtschaftlichen Vorteile der DIY Biologie fortfahren … Denkst du, dass die DIY Biologie eine Rolle spielen könnten, die Monopole bestimmter Unternehmen, wie Monsanto, herauszufordern?
Ich glaube, dass es zunächst wichtig ist, die Monopole im Zusammenhang zu betrachten. Es gefällt mir nicht, dass Monsanto so viele Patente auf natürlich vorkommende Gene besitzt und weiterhin anmeldet. Ich glaube, das ist skandalös. Aber es ist auch wichtig zu sagen, dass Monsanto nicht die großen bösen Jungs sind, wie sie dargestellt werden. Ihre Nutzpflanzen sind umweltfreundlicher als viele andere Alternativen. Sie produzieren mehr Nahrung mit weniger Einsatz von Pestiziden – und ihre verwendeten Pestizide haben auch eine geringere Toxizität als die Norm. Ihre Einstellung als Firma ist, glaube ich, weitaus störender als die Technologie, die sie verkaufen.
Ich glaube, dass der Fakt, dass sie in IP (Intellectual Property?) die Monopole besitzen und sie die Leute, für „Bio-Piraterie“, verklagen, ist das Problem. Weil das bedeutet, dass die Übernahme dieser Technologien deutlich geringer ausfällt, als es sein dürfte. Es bedeutet, dass es weltweit ein tiefes Misstrauen gibt – in Afrika, zum Beispiel, und in einigen Teilen Asiens. Die Leute fühlen, dass sie die Nutzpflanzen nicht besitzen und es ihnen nicht möglich ist, lokale Sorten anzubauen. Dass es ein Patent auf diese Nutzarten-Sorten gibt. Und sie glauben, dass es nicht notwendig ist und eine untragbare Bürde einer Technologie ist, die diese Menschen jetzt dringend brauchen.
Ich möchte es in die Hände der Farmer legen, dass sie ihre eigenen Nutzpflanzen hacken können und die Samen, die sie selbst entwickelt haben, genau auf ihre Bedürfnisse abstimmen können. Und ich denke, es gibt nur einen Weg, das zu erreichen. Und zwar in dem man die Gentechnik so trivial macht, dass sie einfacher oder zumindest so einfach wie herkömmliche Züchtung ist.

In der Vergangenheit haben die Menschen ihre Sorgen darüber geäußert, dass die DIY Biologie für die falschen Gründe genutzt werden könnte. Die Kritiker behaupten, dass die DIY Biologie zu einem Anstieg des Bio-Terrorismus führen könnte. Was hältst du von diesen Sorgen?
Ich denke, das ist unsinnig. Sehr wenige Menschen können Beispiele aus der Geschichte für biologische Kriegsführung nennen. Die, die stattgefunden haben, werden als kompletter Misserfolg oder als verpfuscht angesehen.
Es ist eine Kriegsmethode, die von sich aus kontraproduktiv ist. Das liegt daran, dass Kriege heutzutage immer asymmetrisch sind: Es gibt immer einen Großen und einen Kleinen. Weil es sich die Großen nicht leisten können einen Krieg miteinander anzufangen. Und die Kleinen sind oft ein Produkt der asymmetrischen Kriegsführung, aber lassen wir das.
Wenn du einer der Kleinen bist, der biologische Kampfstoffe verwendet, dann gefährdest du mehr oder weniger dich selbst. Du stehst gegen einen Gegner mit einem massiven Gesundheitswesen, das mit deinen Attacken umgehen kann. Aber du wirst all deine Bauern töten. Wenn du einer der Großen bist, auf der anderen Seite, wirst du diese Methode nicht anwenden.
Angenommen natürlich, dass jemand tatsächlich biologische Kriegsführung betreiben möchte. Die Wahrheit ist, dass es keinen Ruhm dafür gibt, den Gegner krank zu machen. Und die meisten Religionen haben Tabus, die es ihnen verbieten, anderen Menschen gewaltsam Schaden zuzufügen. So ist es beides, ein taktischer Fehler und psychologisch widerwärtig. Deshalb findet man, historisch gesehen, dass es niemals wirklich durchgeführt wurde.

Was denkst du hält die Zukunft für die DIY Bewegung bereit?
Das ist immer eine schwierige Frage. Ich weiß, dass die DIY Biologie nicht verschwinden wird. Aber darüber hinaus, liegt es irgendwo zwischen dem blauen Himmel und einem Dickicht von Bäumen. Es ist, als ob man jemanden fragte als Computer ein häusliche Geräte wurden: „Was wird die nächste große Sache für Computer sein?“
Und das Internet steckte zu dieser Zeit in den Laboren noch in den Kinderschuhen. Niemand wusste davon. Selbst die Entwickler wussten, was es werden würde. Als es das erste Mal in Haushalten vorgestellt wurde, konnte niemand wirklich vorhersagen, welche gewaltigen Veränderungen es mit sich bringen würde. Nicht im Leben der Menschen selbst, noch in der Gesellschaft im Ganzen, für die Regierung … Es hat alles geändert. Und das war eine Technologie, die zu dieser Zeit niemand hätte voraussehen können.
Wenn man über Bio-Technologie spricht, weiß jeder, dass es riesig sein wird. Es hat die Welt bereits zum besseren verändert. Es gibt so viele Medikamente, die nur deshalb Leben retten können, weil es die Bio-Technologie gibt. Wir reduzieren die Flächennutzung und steigern unseren Nahrungs- und Textiloutput. Wir sind in der Lage irrwitzige Produkte für die Endkonsumenten zu produzieren.
Aber niemand weiß bisher, was da Internet der Bio-Technologie sein wird. Du weißt es nicht, bis es auf einmal da ist. Und dann wird es natürlich zu spät sein, auf den Zug aufzuspringen.
Deshalb glaube ich, ist es besser, sich jetzt als DIY Biologe dafür zu engagieren, weil das die Menschen in eine bessere Position für die Zukunft bringt. Sie werden nicht mehr so schockiert sein, wenn diese Zukunft kommt. DIY Biologen könnten außerdem das Sagen haben wie sich die Welt verändert. Weil wir wissen, wie es passieren wird. Wir wissen das Internet der Bio-Technologie wird gewaltig sein und wahrscheinlich wird es gut werden. Und es wird alles auf der Erde verändern. Wäre es nicht schön, wenn du daran einen Anteil hast?

Übersetzung: Lisa Roderer


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