Der Julia-Engelmann-Slam und seine Verlierer

Der Julia-Engelmann-Slam und seine Verlierer

Und schon wieder drauf geklickt. Wie oft willst du noch auf Mediennutten wie uns hereinfallen?

Dieser Artikel ist wie die meisten, die derzeit zu Julia Engelmanns berühmtem Poetry-Slam in den Unweiten des Internets geschrieben stehen, eine Ente. Doch zugegeben, die Einleitung dieses Artikels lässt auf ein bisschen mehr hoffen, als Focus, Stern und Co. derzeit bieten können. Der Poetry-Slam, auf dem Poetry-Slammerin Julia Engelmann ihren Youtube-Hit vortrug, fand übrigens in Bielefeld statt. Wir tun alles für Klicks!

Nachdem die wichtigsten Tags mittlerweile schon mehrfach verbraten worden sind — damit der Artikel bei Google oben kommt — heißt es jetzt zurücklehnen und ein paar fremde Textschnipsel zusammenkopieren. Für den vorgetäuschten Mehrwert werden hier und da hämische Kommentierungen beigefügt. Aber mal ehrlich, viele Artikel, die online über Julia Engelmann und ihren Poetry-Slam zu lesen sind, gehen echt mal gar nicht.

Denn was genau drin steht, spielt keine große Rolle. Schnell und billig muss es sein. So lässt sich leichtes Geld verdienen. Deswegen kommt es, nachdem der Stern erstmals über Julia Engelmann und deren Hype berichtet hat, auch vier Tage danach immer noch zu Überschriften wie „Poetry Slam: Julia Engelmann landet Internet-Hit“ oder „Poetry Slam in Bielefeld — Julia Engelmann wird zum YouTube-Phänomen“. Das Internet als aktuellstes Medium wird in seiner ganzen Stärke ausgereizt. Ironie off.

Auch Schriftstellerin Laura Nunziante will die Gunst der Stunden für sich nutzen. Mit ihrem mittelmäßigen Hate-Artikel „Das Anagramm für ‚Hochkultur‘ ist nicht ‚Julia Engelmann‘“ schaffte sie es bis Montagnacht auf circa 5.100 Facebook-Likes. Dabei gibt sie Zitate Engelmanns völlig aus dem Zusammenhang gerissen wieder.

Gestreckt ist ihr Artikel mit Verweisen auf Julia-Engelmann-Poetry-Slam-Berichte von Stern, Focus und wie sie sonst noch so alle heißen. Nunziantes Beurteilung der Bielefeld-Lyrik: Die Sprachrhythmik sei holprig, der Text weder geistreich noch kreativ. Nachdem sie völlig grundlos ihre Facebook-Freunde beleidigt („Ihr seid übrigens alle doof“), lässt sich der Grund für Nunziantes verbalen Entgleisungen zwischen den Zeilen entdecken: „Die Flasche Wein ist geleert“ — Alkoholismus! Mehr kann ich bei meiner oberflächlichen Recherche aus ihrem Text nicht herauslesen.

Und weil auch Radio-Sender im Zeitalter des Internets ein Stück vom virtuellen Kuchen abhaben wollen, verewigen sie ihre geistigen Ergüsse im Netz, die sich ‚on air‘ ohne weiteres versendet hätten. Ein mustergültiges Beispiel dafür liefert das österreichische „Life Radio“ auf seiner Homepage.

Auch hier gab es, wenn auch ein bisschen verspätet,  am 20. Januar um kurz vor 4 Uhr nachmittags, einen Geistesblitz in der Redaktion: „Warum haben wir da noch nichts gemacht? Da machen wir doch jetzt auch noch schnell was!“

Und weil man noch nie etwas anderes außer Audio gemacht und sich beim Texten schon immer schwer getan hat, bedient man sich sicherheitshalber auch im Internet der routiniert, wie flapsig charmanten Radioklischees. Die Hörer aus dem Sendegebiet wissen das zu schätzen.

Kurz nach vier geht der Texte dann stets richtig betont online: „SIE sorgt im Internet gerade für so RICHTIG Gänsehaut. Die deutsche Studentin und Schauspielerin Julia Engelmann ist die neue Youtube Sensation…“ [sic!] — Hoffentlich hält der Server von liferadio.at den Ansturm aus.

Bevor du jetzt aber direkt in die Kommentarspalte abwanderst und dort anfängst uns damit zu diskreditieren, dass unser Text auch keinen Mehrwert hätte, möchte ich dir noch einen letzten Hinweis mit auf den Weg geben:

Hoffentlich bist du jetzt schlauer und gehst uns beim nächsten Mal nicht schon wieder auf den Leim. Wenn wir klickgeilen Journalisten dir versprechen, dass dein neues Leben nur einen Mausklick und ein YouTube-Video weit entfernt liegt.

 


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