Das Generation-Y-Syndrom und die Suche nach dem Sündenbock

Das Generation Y Syndrom gibt es scheinbar wirklich. Es richtet dort draußen verheerenden Schaden in den Psychen der Menschen an, die zwischen den späten 70er und Mitte der 90er geboren wurden, und macht diese unglücklich. Fragt einfach dieses unheimliche allwissende Internet – es ist voll von geistreichen Blog-Beiträgen, die die verschiedenen Arten der Generationsbedingungen aufzeigen.

Die Symptome sind annähernd folgende: exzessive Faulheit, unbegründetes Anspruchsdenken, extreme hedonistische Tendenzen, fehlende Lebensausrichtung oder eine ernsthafte Karriere (unpassenderweise verbunden mit einer heftigen wettbewerbsfähigen Fähigkeit die Erfolge anderer zu betrachten), Darstellungen von „Image Anfertigungen“ auf Online-Profilen, die stark die persönlichen Triumphe und durchgängig gute Zeiten übertreiben und tiefgreifende, aber ziemlich ausschweifende, Unzufriedenheit mit allem Beschriebenen. Wow. Meine Leute bekommen wirklich ungerechtfertigte Kritik. Aber, wenn sich ein bisschen Wahrheit darin verbirgt – was ehrlicherweise so zu sein scheint – dann ist wer oder was genau zu beschuldigen? All dieses Online-Getue untersucht das Phänomen bezogen auf groß angelegte Fälle, aber es fehlen jegliche persönlichen Perspektiven oder Einblicke.

Ich bin als ein Generation Y Kind in Melbourne aufgewachsen, als eines dieser sonderbaren Steiner Kinder. Im Alter von 6 bis 12 Jahren tanzte ich zu den seltsamen Tönen von Rudolf Steiner und seinem kreativ-tendierten, freiheits-basierenden Stil der Pädagogik. „Spielzeit“ wurde eine gewaltig hohe Priorität im Lehrplan eingeräumt. Es gab eine großzügige Anzahl an Schulfeiern, Zeltlager und saisonale Zeremonien, die Gesänge, Tänze, Handwerk und Vorstellungen eingebunden haben. Vielmehr eine liebevolle als konkurrierende Einstellung wurde zwischen den Schülern gefördert. Der beabsichtigte Ergebnis davon war jeden einzelnen Schüler auf den Weg zu führen ein „freies und moralisch verantwortungsvolles Individuum“ zu werden; jeder Schüler en route seine „einzigartige Bestimmung“ zu erfüllen. Als 6-Jähriger habe ich mich, natürlich, nicht so sehr mit den Konzepten der moralischen Verantwortung und meiner einzigartigen Bestimmung befasst, wie ich es mit der sehr regelmäßigen Erfüllung meines Wunsches Spiele zu spielen und einfach nur Spaß zu haben, getan habe.

Es muss eine dieser gewichtigen Entscheidungen sein denen Eltern gegenüberstehen: Die Wahl welcher Art Erziehung sie ihren Schatz anvertrauen sollen. Welche komplizierte Darstellung von Ideen, Ansichten und Lehrmethoden mit den genetisch-gebrauten, häuslich-verhätschelten und trotzdem empfindsamen beeinflussbaren Faden des Kindes zu verweben? In meinem Fall wählten meine Eltern eine alternative Lehrmethode: Die Sophia Mundi Rudolf Steiner Schule in Abbotsford, Melbourne, wurde zu dem Ort an dem meine grundlegende Intelligenzstruktur stattfand.

Sophia Mundi ist eine „unabhängige, freireligiöse und gemischte“ Innenstadt Steiner-Schule. Sie vereint die Grundlagen des österreichischen Kultur-Philosophen Rudolf Steiner in humanistischer Erziehung. Das meint im Grunde, dass die verwendeten Lehrmethoden die Kinder ermutigen soll sich dem Lernen und der Welt um sie herum mit großen Ausmaß an Vorstellungskraft und Offenheit anzunähern.

Es könnte der goldene Schimmer von Nostalgie am Werk sein, aber in meiner Erinnerung war zumindest meine Grundschulzeit eine ungemein glückliche Zeit für mich. Mit sorgenfreier Ignoranz posierte und tanzte ich in speziellen Kostümen und übte „Eurythmie“ – eine exzessive Bewegungsform, die von Steiner selbst entwickelt wurde. Ich sprang mit anderen Steiner Kindern bei Frühlingsfesten um den Maibaum und schnitt pflichtbewusst die Ecken meines Recycling-Papiers ab. Blätter, die ich dann mit handgezeichneten Linien, die ich mit exklusiven Steiner-unterstützten Bleistiften zeichnete, in provisorische Kleidung verwandelte, während ich an einem hölzernen Tisch mit runden Ecken saß. (Wie du jetzt vielleicht erkennst: Herr Steiner war kein großer Fan von scharfkantigen Ecken.) Ich sang mit den anderen Kindern die vielen Steiner Volkslieder während wir zur oder von der Klasse weg liefen, dekorierte Bildertagebücher, die Geschichten von vorzeitlicher Mythologie und Zivilisationen erzählten, spielte verschiedene Musikinstrumente und stellte handgefertigte Puppen ohne Gesichter her (wir überließen es unserer Vorstellungskraft die potentiellen Gesichtsausdrücke zu veranschaulichen). Ich trug auch meine Kerze, um eine große, leuchtende Spirale flackernder Flammen in einer großen dunklen Halle zu bilden während wir wiederholt kultartige Hymnen summten. All das war glücklicherweise mit bedeutenden Portionen konventioneller Bildung vermischt.

 

IMG_3312 Dumme Hipster feiern dumme Parties in dummen Altbauwohnungen mit viel zu hohen Decken und hören dabei dumme elektronische Musik—aka Sets—auf Soundcloud.

Als ich 12 Jahre alt war, wurde ich schließlich auf eine öffentliche Schule geschickt. Das lag zum Teil daran, dass meine Großmutter – die scheinbar eine treibende Kraft hinter der Entscheidung meiner Eltern war, mich auf die Steiner-Schule zu schicken – während meiner Grundschulzeit verstorben ist; außerdem konnten sich meine Eltern die beachtlichen Schulgebühren nicht mehr leisten. Nachdem ich eine öffentliche High School und ein Standard College besucht habe, später durch Europa gereist bin und mich in Berlin niedergelassen habe, bin ich die Reaktionen gewohnt, wenn ich jemandem erkläre wo ich als Kind zur Schule gegangen bin. Vorausgesetzt sie wissen, was eine Steiner-Schule ist. Das wissende Lächeln, die veränderte Stimme, wenn sie mehr oder weniger das sagen: „Oh, du warst eines dieser Kinder.“ Diese gleichbleibende Antwort ist verbunden mit dem, was mein Vater neulich in einer Email als eine allgemeine Einstellung in der Mainstream-Gesellschaft beschrieben hat, wenn Steiner als „unverschämter, mystischer Spinner“ abgelehnt wird.

Ich bin nun auf dem Weg zum Beginn vom Ende der stark-verwöhnten Generation Y Jugend; es hat sich ausgefeiert, aber trotzdem ist da eine eigensinnige Sehnsucht nach einem weiteren Tanz – noch lustlos zwischen den strahlenden Ecken verschiedener Karrieren in der Kreativindustrie und den Geisteswissenschaften herumschwebend ohne bisher etwas entschlossen mit Dauerhaftigkeit oder finanziellen Erfolg errungen zu haben. Der Schuh der Generation Y passt erschreckend gut. Mir bleibt demzufolge die Rolle zu überlegen, die der zurückgebliebene Steiner-Ansatz in meiner offensichtlich langjährigen Glauben gespielt hat, dass meine Welt eine Auster ist – bis zum Rand gefüllt mit einfachen kreativen Erfolg und Glück. Ein Glaube, der rasch für einige Jahre geschrumpft ist.

Während ich hier so sitze und die Steiner-Homepage prüfe, verbinde ich jedes Stichwort das den „Sophia Mundi Unterschied“ herausstellt mit den positiven Aspekten meines Lebens. Aber ich rieche auch eine Falle, in der ich fortfahre mich zu verfangen und darüber zu stolpern. Eine „nicht-konkurrierende Lernumgebung“ in der jedes Kind als „komplettes Individuum“ schätzt und Kinder ermutigt werden „Schönheit und Wunder in der Welt zu finden“ ist in der Tat eine weiche und pflegende Umgebung. Aber ist es auch ein Nährboden für Realitätsverweigerung der gesellschaftlichen und kommerziellen Sphären in welcher eine erfolgreiche Karriere entsteht? Ermutigt es jemanden all die gefühllosen und fleißigen Qualitäten abzulehnen, die dafür nötig sind einen höheren sozialen und finanziellen Status zu erreichen? Beinhaltet das Bestreben Steiners „Kindern zu erlauben die Freuden und Mysterien der Kindheit voll zu erfahren“ versehentlich den falschen Eindruck, dass man für immer kindlich bleibt?

Eine geschickte und einfache Erklärung für die schwache Krise meines verwunderten Geistes, für die gefährliche Verzerrung der Erwartungen und für meine scheinheilige Schwäche für eine gute Zeit ist ein wünschenswerte kleine Box zu überprüfen. Eine bestimmte Institution zu beschuldigen, wäre sicherlich eine beruhigende Quelle des Komforts in dem Versuch die gepeinigte Lücke zwischen den görenhaften Erwartungen meines Generation Y Egos und den brutalen Angeboten der arbeitenden Welt zu schließen. Aber ein schneller Seitenblick auf meine Altersgenossen, die komplett verschiedene Bildungsstände haben, zeigt mir die vielen ähnlichen Variationen eines gleichen Themas: Die mit denen ich zusammenarbeite in all meiner abstrakten Zerstreutheit – inklusive der „normalen“ Bildungsanfänge – zeichnen zusammen das Bild viel komplexerer und vielseitiger Täter als Rudolf Steiners mystische und entspannte Lehrmeinung.

Mit dem Finger auf andere einflussreiche Kräfte der Gesellschaft, wie die Regierung und Medien zu zeigen, scheint mehr ein Rückzieher zu sein als es einfach herabwürdigend als ein „Generationending“ zu bezeichnen; ein Dilemma unserer Zeit. Tatsächlich, bei näherer Betrachtung, riechen alle diese Artikel über das Generation Y Syndrom – meistens geschrieben von Angehörigen der Generation Y – verdächtig nach einem cleveren selbst gebauten Sündenbock, was nur weiter diesen Lebensstil bestätigt. Ironie, auch wenn unterhaltsam, ist nur der einfachere Bruder der Ehrlichkeit mit der man es zu tun bekommt, wenn es zur Selbstbetrachtung kommt. Und weil wir auf der Suche nach dem Schuldigen sind, komme ich zu dem Punkt an dem ich mit gekrümmten Finger zeigen muss. Ich schätze, dass meine Worte auf dem gleichen Weg auch für mich selbst gelten. Vielleicht ist es für die Generation Y an der Zeit lange in den Spiegel zu schauen: Wir könnten einen Film über den Verlauf drehen, ihn online posten und es als ein Kunst Projekt bezeichnen.

Übersetzt von Lisa Roderer. Folge ihr bei Twitter

Pointing Crooked Fingers: Gen Y Syndrome and the Hunt for a Scapegoat

Gen Y syndrome is apparently a thing. It’s out there wreaking havoc on the psyches of people born between the late seventies and mid nineties everywhere and making them miserable. Just ask those creepy all-knowing internets―they’re rife with witty blog articles coining various types of the generational condition. The symptoms are roughly as follows: excessive idleness, an unfounded sense of entitlement, extreme hedonistic tendencies, a general lack of life direction or a serious career (ill-paired with a fierce competitive streak regarding the achievements of others), displays of ‘image crafting’ via online profiles that grossly exaggerate personal triumphs and non-stop good times, and a profound but somewhat self-indulgent unhappiness with all of the above. Wow. My lot certainly get a bad rap.

But if there is some truth in all this―which, quite honestly, there seems to be―then who, or what exactly, is to blame? All the online fuss examines the phenomenon in terms of large-scale causes, but it’s missing any personal perspective or insight. Growing up as a Gen Y in Melbourne I was one of the weird Steiner kids. From the age of six through to twelve I danced, literally, to the peculiar tune of Rudolph Steiner’s creatively-inclined, freedom-based style of pedagogy. ‘Play time’ was given a tremendously high priority in the curriculum. There were generous amounts of school fetes, camps, and seasonal ceremonies that incorporated song, dance, craft, and performance. A caring, rather than competitive, attitude was encouraged between students. The intended outcome of all this is to guide each student on the path towards becoming ‘free and morally responsible individuals’; each pupil en route to fulfill their ‘unique destiny’. As a six year-old child I was, of course, not so much concerned with the concepts of moral responsibility and fulfilling my unique destiny as I was with the very regular fulfillment of my wish to play games and have fun.

It must be one of the weightier decisions that a parent faces: the choice of which style of education to thrust upon your darling creature. Which compound tapestry of ideas, beliefs and teaching methods to weave your child’s genetically-brewed, home-coddled, and still delicately impressionable thread through? In the case of this creature, my parents opted for an alternative learning variety: Sophia Mundi Rudolf Steiner School in Abbotsford, Melbourne, was the location at which my elementary constructions of intelligence took place. Sophia Mundi is an ‘independent, non-denominational and co-educational’ inner-city Steiner school that implements the fundamentals of Austrian cultural philosopher Rudolph Steiner’s humanistic approach to education.

What this means, essentially, is the use of a teaching method that encourages children to approach learning and the world around them with a great degree of imagination and openness. It could be the golden sheen of nostalgia at work, but in my memory, at least, primary school was an immensely happy time for me. With carefree ignorance I posed and pirouetted in special costume practicing ‘eurhythmy’ ― an expressive movement art developed by Steiner himself. I skipped around the maypole with the other Steiner kids at the Spring fetes and dutifully cut the corners from my recycled paper―pages which I then formatted in makeshift fashion with my own hand-drawn lines using exclusive Steiner-endorsed pencils while sitting at my round-cornered wooden table (as you’re probably starting to gather, Mr. Steiner was not a big fan of sharp-edged corners). I sang the many Steiner folk songs with the other children while walking to and from class, decorated picture diaries telling tales of ancient mythologies and civilisations, played assorted musical instruments, and hand crafted dolls without faces (our imagination was to visualise all the potential expressions of their faces). I also carried my candle to help form a huge, blazing spiral of flickering flames within a large darkened hall while humming repetitive cult-like hymns. All of this was, thankfully, blended with substantial doses of conventional learning.

At the age of twelve I was shifted to a public state school. This was partly due to the fact that my grandmother―who apparently had been a big driving force behind my parents’ choice of Steiner―had passed away during my primary school days; also, my parents could simply no longer afford the considerable school fees. Since attending a public state high school and a standard university, and later travelling around Europe and settling in Berlin, I have become accustomed to the universal reaction when explaining to someone where I went to school as a child (assuming they know what a Steiner school is at all). The knowing smile that unfolds,the wry inflection of the voice that says, more or less: “Oh, you were one of those kids.” This routine response is tied up with what my father, in a recent email conversation, described as a general attitude in mainstream society that dismisses Steiner as some ‘outrageous, mystical crank’. I’m now well on my way to the beginning of the end of my heavily-indulged Gen Y youth; all partied out but still waywardly yearning for another dance―still floating around languidly between the shiny edges of various careers in the creative industries and the humanities field without yet forcefully penetrating any with much longevity or financial success. The Gen Y shoe fits frighteningly well. I’m therefore left to ponder the role that this laid-back Steiner approach has played in my apparent longstanding belief that the world is my oyster―full to the brim with easy-come creative success and fortune (a belief that has been swiftly dwindling for quite some years now).

As I sit and peruse the Steiner website, each bullet point outlining the ‘the Sophia Mundi difference’ glows with a connection to the positive aspects of my life , but also reeks of the pitfalls that I continue to snag myself with and trip upon. A ‘non-competitive learning environment’ in which each child is valued as ‘a complete individual’ and that encourages children to ‘find beauty and wonder in the world’ is a soft and nurturing one indeed. But is it also a breeding ground for a denial of the realities of the corporate and commercial spheres within which a successful career is developed? Does it encourage one to simply reject all the callous and industrious qualities necessary for entering into higher echelons of social and financial status? Does the Steiner endeavour to ‘allow children to experience the joys and mysteries of childhood fully’ inadvertently imply the false impression that one can remain childlike forever? One neat and simple explanation for the lame crisis of my wondering mind, for my imagination’s dangerous distortion of aspirations, and for my hypocritical weakness for a good time is a desirable little box to check.

To blame one particular institution would surely be a soothing source of comfort in the effort to bridge the tormented gap between the bratty expectations of my Gen Y ego and the harsher offerings of the working world. But a quick sideways glance towards my peers who hail from completely different educational backgrounds demonstrates many similar variations on the same theme: those with whom I collaborate in all my abstract distractions―including those of ‘normal’ educational beginnings―combine to paint the picture of a much more complex and multifaceted culprit than Rudolph Steiner’s mystical and relaxed educational posture. Pointing the finger at other influential forces in society, such as the government and the media, seems just as much of a copout as simply marking it down as a ‘generational thing’; a quandary of our times. In fact, upon closer inspection, all those Gen Y syndrome articles―mostly written by Gen Y’s themselves―smell suspiciously like a cleverly self-built scapegoat which only further validates the lifestyle. Irony, while amusing, is just the easier brother of sincerity to deal with when it comes to self-reflection. And for want of a more obviously accountable source of blame at which to point my own crooked finger, I suspect my words may have just attempted to design the same way out for myself. Perhaps it’s time for Gen Y’s to finally take a long hard look in the mirror: we could film the procedure, post it online, and claim it as an art project.


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