Bourbonholz-Bier aus dem “kleinen Bioreaktor”

Dieser Tage erreichte uns ein Paket von Wolfgang. Der Biologiestudent betreibt nebenbei mit zwei Studienkollegen die Customized Drinks GmbH. Deren Hauptbetätigungsfeld liegt im Vertrieb von liebevoll als „kleine Bioreaktoren“ bezeichneten Braufässchen. Dabei handelt es sich um eines dieser fünf Liter Flüssigkeit fassende Blechfässer, die optisch daherkommen wie Pennerglück von der nächsten Tanke.

Damit kann jeder Laie innerhalb von nur einer Woche sein ganz individuelles Bier brauen. Solch ein Wunderwerk der Bierbraukunst schickte uns Wolfgang also auf postalischem Wege.

productUnter der Karte fanden wir dann das Brauequipment. Ein fünf Liter Einwegfass, eine Flasche mit dunklem Malzextrakt, ein Fläschchen Hopfenextrakt, ein Röhrchen mit Trockenhefe, ein Tütchen mit Bourbonholz-Aroma, ein Druckventil, eine Brauanleitung und zwei Braufässchen-Bierdeckel. Die Anleitung ist mit vielen bunten Bildern recht übersichtlich gestaltet und könnte wahrscheinlich auch von Analphabeten verwendet werden. Oder wenn du schon so besoffen bist, dass die seltsamen Zeichen eben keinen Sinn mehr machen, du aber dennoch Selbstgebrautes brauchst, um den Pegel zu halten.

Dem fachkundigen Biertrinker fällt wahrscheinlich jetzt schon auf, dass hier etwas nicht stimmt. Aroma in einem deutschen/bayrischen Bier? Verträgt sich das mit dem Reinheitsgebot? Antwort von Wolfgang und Kollegen: Jein. Unsere Antwort: Nein.

Wolfgang erklärt das so: Wenn der Biergenießer selbst zum Braumeister wird, greifen die strengen Vorgaben des Reinheitsgebots nicht mehr. Richtiges Bier aus der Brauerei muss also dem Reinheitsgebot nach hergestellt werden, zu Hause können wir in unser Braufässchen aber hineinpanschen, worauf wir gerade Lust haben.

Neben dem Selberbrauen ist das Hinzufügen von Aromen aber der eigentliche Kern des Braufässchen-Geschäftsmodells. Offenbar sind viele Menschen der Meinung, jegliches Bier schmecke irgendwie gleich und das Reinheitsgebot schütze nur die Interessen der großen Konzerne. Zudem verschließe es die Braukunst dem technischen Fortschritt.

Nun, zumindest aus der Sicht des gebürtigen Oberfranken, der—glücklicherweise—direkt vor der Haustür eine hohe dreistellige Zahl von Brauereien vorfindet, ist das eine gewagte These. Wer sich noch bewusst macht, wie viele verschiedene Biersorten, wie viele Saisonbiere allein in einem kleinen fränkischen Dorf oder gar im schönen Bamberg gebraut werden, gerät leicht ins Zweifeln, ob der Weg des Braufässchen-Teams der richtige ist.

Aber ganz ohne Vorurteile haben wir dann gleich losgelegt und unser Weißbier mit Bourbonholz-Aroma gebraut. Der Vorgang des Brauens an sich ist sehr unspektakulär, wenn man einmal davon absieht, dass es eine unglaubliche Sauerei gibt, wenn der zähflüssige Malzextrakt in die winzige Öffnung des Braufässchens gepresst werden soll. Nach zehn Minuten abwechselnd Zutaten und heißes Wasser ins Fässchen kippen war auch schon alles vorbei. Jetzt musste die Pampe eine Woche lang ruhen.

Das Anzapfen gestaltet sich von der Haptik her nicht sonderlich ansprechend, ein dünnes Rinnsal tröpfelt verloren in ein riesiges Weizenglas. Das Bier ist trüb, für ein eigentlich helles Weizen recht dunkel und bildet keinen Schaum (!). Zumindest in meinem engeren Freundeskreis wird so etwas scherzhaft als „Pissbrühe“ bezeichnet.

Geruch und Geschmack hauen keinen vom Hocker, das Gebräu erinnert entfernt an Federweißen. Säuerlich-süß, komplett ohne Kohlensäure und irgendwie lasch schwappt unser Bourbonholz-Weißbier im Glas herum. Euphorie kommt keine auf, nach intensivem Probieren zeigt sich aber zumindest, dass der Alkoholgehalt wohl tatsächlich an den eines normalen Bieres herankommt.

Als Geschenkidee zum Ausprobieren ist das Braufässchen mal etwas anderes, vor allem für faule Leute, die ohne Aufwand etwas “Cooles” in der eigenen Küche machen wollen. Hinsichtlich des Endproduktes sind die 30 bis 40 Euro für das Fässchen aber ein sehr stolzer Preis. Für eine geringe Mehrinvestition kann der echte Bierliebhaber sich ein richtiges Bier in der Badewanne brauen.

Gerade wegen meiner tiefen Verbundenheit mit der fränkischen Braukultur in der Bierstadt Bamberg stößt mir sauer auf, dass für dieses Braufässchen das Reinheitsgebot geopfert wird. Das bayrische Bier zeichnet sich eben gerade durch strenge Qualitätsvorgaben aus. Einen guten Geschmack erreicht ein erfahrener Braumeister auch ohne Zugabe von Aromastoffen. Das können die Franzosen (Desperados) oder die Preußen (Beck’s in allerlei ekliger Variation) gerne machen. In Bayern verzichte ich gerne auf solche Zusätze oder eben 30.000 Aroma-Kombinationsmöglichkeiten aus dem Braufass.


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